Alles ist hin und die Menschheit ist sehenden Auges in den Abgrund gestürzt. Das war - verkürzt und stark vereinfacht - die Ausgangssituation der zeitgenössischen Oper "missing in cantu" von Staud. Ein Seher, überzeugend gesungen und dargestellt von Marcel Brunner, hob sodann auf den Trümmern der einstigen westlichen Hochkultur an, den Untergang zu beklagen, um die Handlung des Stücks in galoppierenden Gang zu setzen. Diese war weniger linear, denn in den zeitlichen Sprüngen gewagt und zum Teil fast willkürlich gesetzt. Und dennoch hing freilich alles mit allem zusammen.

Denn das endzeitlich-düstere Bühnenbild von Volker Thiele war nicht weniger als ein durchaus eindrucksvoller Rahmen zur Verhandlung der ganz großen Fragen der westlichen Zivilisation, deren Widersprüche und Abgründe und vor allem der Kippmomente und Kipppunkte, die letzten Endes, wenn auch über gewaltige Umwege, schnurstracks ins Verderben führten. Da wären etwa gewesen: Konquistadoren, Tierfabriken, Opiate-Höllen in amerikanischen Vorstädten, sensationsgeile Reporter, Hexenprozesse, Attentate und noch einiges mehr. In der Zuspitzung und Überzeichnung dieser Themenkomplexe bewegte sich die Oper zeitweise hin zum Grotesken. Singende Schweine waren dabei nur einer der Höhepunkte dieser Bemühungen. Es waren Augenblicke, in denen durchaus auch gelacht werden durfte.

Und doch meinte es "missing in cantu", das 2023 in Weimar uraufgeführt wurde und auf einem Schauspiel von Thomas Köck basiert, in weiten Teilen bierernst. Der Kapitalismus lag am Boden, die Figuren waren nur mehr leere Hüllen, Sinn und Ziel der Menschheit weitestgehend abgeschafft. Was blieb, waren leere Lieder, lieblose Arbeitsszenarien, verlogene Vorstadtgesellschaften und schlussendlich leere und zerstörte Paläste, die den an seiner eigenen Dekadenz zerbrochenen Westen symbolisierten.

Dieser inhaltliche Fatalismus traf auf die ausdifferenzierte und komplexe Musik von Staud, dem 2025 der Tiroler Landespreis für Kunst verliehen wurde. Diese bot weit nämlich mehr als nur "Neutönerei". Dissonante Akkorde und gewagte Gesangsmelodien mochten zwar die Basis bilden, doch strebte die Musik im Dirigat von Redmond auch in Richtung Big-Band-Jazz und - ironisch-gebrochen - auch hin zum Musical. Gesanglich glänzten neben Brunner noch "Echo" Hazel Neighbour, die restliche Sängerriege lieferte zwar eine solide Leistung, ließ aber überwiegend doch noch Luft nach oben.

Das fiel aber insgesamt nicht weiter ins Gewicht, war bei dem knapp 90-minütigen Werk doch das Klang-Gesamtbild und nicht zuletzt auch die elektronische Untermalung der eigentliche Star des Abends. Auch zahlreiche Videoeinspielungen und eine Live-Kamera taten das ihre, um Atmosphäre und eine unbehagliche Stimmung zu erschaffen.

Das Premierenpublikum im gut gefüllten Großen Haus reagierte schließlich mit wohlwollendem Applaus und vereinzelten Jubelbekundungen. Auch eine Handvoll Stehovationen mischten sich unter die Applaudierenden. Der lauteste Applaus brandete indes auf, als Staud und Redmond die Bühne betraten.

(S E R V I C E: "missing in cantu (eure paläste sind leer)" von Johannes Maria Staud, Libretto von Thomas Köck. Regie: Bettina Bruinier. Musikalische Leitung: Timothy Redmond. Bühne: Volker Thiele. Kostüme: Chani Lehmann. Video: Ayşe Gülsüm Özel. Mit: Marcel Brunner (Seher), Hazel Neighbour (Echo), Stephen Chaundy (Don Gairre), Christian Miedl (Don Stepano), Jennifer Maines (Hexe), William Blake (Don Miguel), Michael Gann (Übersetzer), Jannes Dervinis, Stanislav Stambolov, William Tyler Clark (Konquistador, Ureinwohner), Stefan Riedl (Drogenabhängiger Hausbesitzer, Attentäter), Bernarda Klinar (Reporterin, Schlachthausassistentin, Drogensüchtige Mutter, 1. Polizistin), Jakob Nistler (Kameramann, Schlachthausbesitzer, Drogensüchtiger Vater, 2. Polizist), Sabrina Henschke (3. Polizistin), Jakob Noggler (Kind), Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, Chor des Tiroler Landestheaters, SWR Experimentalstudio. Weitere Vorstellungen jeweils um 19.30 Uhr am 27. Mai, 5. und 18. Juni, 3. Juli. https://www.landestheater.at/

(Von Markus Stegmayr/APA)