Als Jannik Sinner 2019 als Nummer 263 der Weltrangliste dank einer Wildcard beim Masters in Rom aufschlagen durfte, beendete der damals 17-Jährige in der ersten Runde beinahe eine Karriere. Sein Gegner hieß Steve Johnson – und nachdem der Amerikaner sensationell eine 6:1, 1:6, 5:7-Pleite ausgefasst hatte, war er völlig außer sich, weil er seiner Meinung nach gegen jemanden verloren hatte, dessen Spiel nichts Besonderes hätte. Im Gegenteil, es sei „schrecklich“. Der Ärger ging so weit, dass er nach der Niederlage seinen Manager anrief und sagte, er solle die nächsten Turnierstarts absagen und stattdessen Johnsons Rücktritt verkünden. So weit kam es dann aber doch nicht , der Amerikaner spielte noch fünf weitere Jahre auf der Tour und gestand sich erst kürzlich in einem Podcast hinsichtlich des Spiels des Südtirolers eine „Fehleinschätzung“ ein.
Sieben Jahre später fixierte Sinner in Rom mit einem 6:4, 6:4-Finalsieg über Casper Ruud nicht nur seinen 29. Turniersieg, sondern zugleich den sechsten Triumph bei einem Masters-Event in Folge. Abgesehen von diesem Rekord für die Konkurrenz alarmierend ist dabei die Tatsache, dass der 24-Jährige dabei in 34 Partien gerade einmal drei Sätze abgab, das ergibt ein Satzverhältnis von 68:3 (!). Im Jahr 2026 musste Sinner bei 36 Siegen nur zweimal als Verlierer die Tennistasche packen: Im Melbourne-Halbfinale gegen Novak Djokovic und im Doha-Viertelfinale gegen Jakub Mensik. All diese Fakten werfen vor allem eine Frage auf: Wer soll Jannik Sinner in Paris, wo er auf seinen Karriere-Slam losgeht, schlagen können?
Geht man nach der Setzliste, gilt Alexander Zverev nach der verletzungsbedingten Absage von Carlos Alcaraz als erster Herausforderer des Weltranglistenersten. Dass sich der Deutsche auf dem Pariser Sand wohlfühlt, hat er mit seinem Finaleinzug 2024 unter Beweis gestellt. Allerdings belastet „Sascha“ ein erdrückender Sinner-Fluch – die letzten neun Duelle gingen alle an den Italiener, in den letzten sechs Begegnungen war Zverev nicht einmal ein Satz vergönnt.
Natürlich darf man auch Djokovic nicht außer Acht lassen. Immerhin hat der Serbe den Italiener heuer bei den Australian Open geschlagen und weiß, wie man in Paris gewinnt. Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit der Körper des 39-Jährigen noch mitspielt. Auch Ruud wäre grundsätzlich ein Sieganwärter. Der wiedererstarkte Norweger hat allerdings in Roland Garros mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen wie einst Dominic Thiem: 2022 stand ihm im Endspiel Rafael Nadal im Weg, ein Jahr später war es im Finale zwar nicht der Spanier, der nicht zu biegen war, dafür aber Djokovic. Sucht man nach weiteren möglichen Stolpersteinen für Sinner, wird die Luft schon sehr dünn. Vielleicht schafft Spaniens neuer Nadal, Rafa Jodar, die Sensation. Aber das kommt für den 19-Jährigen wohl noch zu früh. Ebenso wie für den Brasilianer Joao Fonseca.
„Er ist keine Maschine“
Wenn ihm nicht die prognostizierte Hitze in Paris in die Quere kommt, bleibt unter dem Strich nur eine Erkenntnis: Sinner kann sich an der Seine wohl nur selbst schlagen. Nach seinem Erfolg in Rom nahm sich der Sextener eine Auszeit, fuhr in seine Südtiroler Heimat und genoss die Ruhe mit Familie und Freunden. Selbiges ist auch nach den French Open geplant – egal, ob er früh scheitert oder triumphiert. In dieser Taktik liegt auch laut Legende Boris Becker der Schlüssel zu einem längerfristigen Erfolg: „Er muss sich diese Auszeiten gönnen. Er ist keine Maschine und braucht sowohl körperliche als auch mentale Pausen.“ Ansonsten würde er die Inspiration verlieren. „Er muss lieben, was er tut, oder er riskiert, nicht mehr zu gewinnen.“ Zumindest im Moment scheint das mit dem Verlieren allerdings undenkbar.