Es war die eine Schlagzeile zu viel. „Der Priester, der mit seiner Freundin über rote Teppiche flaniert“, schrieb die Süddeutsche Zeitung am 24. Dezember des Vorjahres über ihr Gespräch mit dem Wiener Dompfarrer Toni Faber. Dass der damals 63 Jahre alte Geistliche zwar ehelos, aber nicht alleine durchs Leben geht, ist stadtbekannt. Folgen hatte das bisher keine. Dass Faber nun in einer großen deutschen Zeitung den Zölibat, der ihn eigentlich zur Enthaltsamkeit verpflichtet, als „dehnbaren Begriff“ bezeichnete, dessen Einhaltung „nur ein Binnenproblem der katholischen Kirche“ sei, brachte das Fass zum Überlaufen. 

Das Interview nötigte den gerade erst ernannten Wiener Erzbischof Josef Grünwidl dazu, die von seinem Vorgänger jahrelang geübte Duldung zu beenden. Schon bei seiner Antrittspressekonferenz hatte man Grünwidl zur Causa befragt. Er werde das Gespräch mit Faber suchen, sagte der neue Erzbischof über den Kollegen, mit dem er einst studiert und später eng zusammengearbeitet hat. Was den Pflichtzölibat für katholische Geistliche betrifft, sind die beiden einer Meinung. Der Unterschied ist nur, dass Grünwidl dessen Abschaffung nur befürwortet, nicht aber vorwegnimmt. Das Gespräch fand statt und man einigte sich. Faber, der eigentlich weitermachen wollte, soll nächstes Jahr, nach Vollendung seines 65. Lebensjahrs, als Dompfarrer in Pension gehen. 

Ton Faber auf dem Wiener Opernball 2026
Ton Faber auf dem Wiener Opernball 2026 © APA

Das gesetzliche Antrittsalter ist in der Kirche sonst kein Grund, aufzuhören. Auch ist Faber, ein „Leut-Pfarrer“, der mit allen kann und die Öffentlichkeit nicht scheut, keineswegs amtsmüde. Mit ansteckender Fröhlichkeit feiert er Gottesdienste und Partys, traut und beerdigt Prominente wie Unbekannte, tauft Babys, segnet Homosexuelle und bringt jedes Jahr viele Menschen dazu, in die Kirche zurückzukehren, von der sie sich bereits abgewandt hatten. Lange schützte ihn sein Einsatz und seine Prominenz vor Konsequenzen. Wer Fabers Lebenswandel bei Grünwidls Vorgänger anzeigte, musste sich nach der eigenen Leistungsbilanz für Gott und Kirche fragen lassen. Damit sei das Thema stets vom Tisch gewesen, erzählt Faber.

Sprach ein Machtwort: der neue Wiener Erzbischof Josef Grünwidl
Sprach ein Machtwort: der neue Wiener Erzbischof Josef Grünwidl © APA

Fast scheint es, als legte es der Dompfarrer nach 30 Dienstjahren auf den sanften Bruch an, als wollte er aus dem Zwielicht heraus. Im Februar, also nach der feierlichen Weihe des neuen Erzbischofs im Stephansdom, legte er in der ORF-Sendung „Hinter den Schlagzeilen“ nach. „Ehe und Ehelosigkeit sind beides entschiedene Lebensformen, die nie in ihrem Ideal erreicht werden“, sagte er und fügte hinzu: „Man muss dann ganz persönlich je nach seiner Lebensgeschichte eine individuelle Form entwickeln, für die man nach außen, vor Gott, vor seinem Gewissen, vor seinem konkreten Partner auch einstehen kann.“ Eine lebenslange Aufgabe sei das. „Es geht darum, wie ich mich für die Menschen, für Gott so einsetzen kann, dass ich auch als Mensch und als Mann nicht zu kurz komme.“

Mangelnde Aufrichtigkeit kann man Faber nicht vorwerfen. „Dass wir wegen des Zölibats freier, vornehmer und heiliger werden, halte ich für einen großen Blödsinn", erzählte er vor laufender Kamera. Dann erinnerte er daran, dass es auch in der katholischen Kirche verheiratete Priester gebe, konvertierte Pastoren und Geistliche, die aus der anglikanischen Kirche zu katholischen übergetreten sind. „In allen anderen christlichen Konfessionen ist das üblich, nur in der römisch-katholischen Kirche nicht.“

Langweilig wird es Faber wohl nicht werden

Fabers Weg zum Priesterberuf war ungewöhnlich. Dem Schüler hatten die Ärzte nach einer schweren Krankheit noch zwei Lebensjahren zugemessen. Der Sohn eines Straßenbahnfahrers und einer alleinerziehenden Mutter, die außer ihm noch drei Kinder aufzog, schloss eine Art Gegengeschäft mit Gott ab. „Willst Du wirklich, dass mein Leben zu Ende geht, wo ich mich kümmere in der Pfarre, in der Schule, in meiner Familie und andere, die sich scheinbar weniger kümmern, sind gesund und leben in den Tag hinein?", betete der Ministrant und Klassensprecher. Eine „tränenreiche Gebetserfahrung“ sei das gewesen, erinnert sich der Erwachsene. Das Gespräch mündete in ein Angebot: „Wenn Du mir mein Leben geschenkt hast, dann möchte ich es dir auch widmen…“   

Das wird Faber vermutlich auch weiterhin tun, wenn auch nicht mehr als Dompfarrer. Er wird Babys taufen, Prominente trauen oder beerdigen, Ausgetretene zurückholen, Homosexuelle segnen und mit seiner „ständigen Begleitung“ Bälle besuchen. Kollegen werden ihm weiter ermutigend applaudieren oder ihn für seine Lebensführung verachten, wie sie es schon bisher taten. Am Ende seines Lebens, so erzählte es Faber dem ORF, möchte er auf seinem Grabstein lesen: „Er diente dem lieben Gott und den Menschen.“ Von der Kirche sagte er nichts.