Eigentlich hätte das Werk nur einmal erklingen sollen – zur Krönung des französischen Königs Charles X. im Sommer 1825. Rossini verwendete Teile davon später in anderen Opern, die Originalpartitur galt als verloren. Erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fanden Rossiniforscher in Archiven fehlende Teile und fügten sie zu einem Ganzen, das Claudio Abbado 1984 in Rossinis Geburtsstadt Pesaro triumphal zu neuem Leben erweckte. Nun zeigen die Salzburger Festspiele, wie viel Witz und Genie in der virtuosen Gelegenheitskomposition stecken.
Funkelndes Meisterwerk
Von Handlung zu sprechen, wäre eine Übertreibung. Internationaler Hochadel, unterwegs zur Krönungsmesse in Reims, sitzt in einem Heilbad in den Vogesen fest. Es gibt keine Pferde, die bunte Gesellschaft ist auf sich selbst zurückgeworfen. Fast drei Stunden lang macht sich die „Cantata“, wie Rossini sein Werk nennt, über menschliche Schwächen, glühende Leidenschaften, nationale Klischees und die Oper an sich lustig. Den erst 35-jährigen Starkomponisten inspirierte der ironische Text, dessen subversive Note die Zeitgenossen anscheinend überhört haben, zu einem funkelnden Meisterwerk.
Es lag nahe, für die schwierige Aufgabe Barrie Kosky zu engagieren. Der australische Regisseur liebt Slapstick, Revue, Comics, Operette und verachtet auch turbulenten Klamauk nicht. Rufus Didwiszus baute ihm viele Türen, die man drehen oder zuknallen kann, Victoria Behr tobte sich an der extravaganten Garderobe der Gäste aus. Mehr braucht Kosky nicht, um seine Maschinerie in Gang zu setzen. Dass die schweißtreibende, präzise Körperarbeit, die er Solisten, Chor und Tänzern pausenlos abverlangt, nicht immer zur gewünschten Heiterkeit führt, bedarf der Erklärung.
Raffinierte Übertreibung
Kosky will Rossinis Musik in „physischen Humor“ übertragen, verrät er im Programmheft. Die raffinierte Übertreibungskunst des Komponisten doppelt er mit Gestik, wie man sie von Buster Keaton, den Marx Brothers und anderen Komikern der Frühzeit des Films kennt. Deren Witz lebt von der Abweichung von der Norm. „Normal“ verhält sich an diesem Abend aber niemand. Der ununterbrochenen Abfolge von Hyperaktivität, Aberwitz und akrobatischen Verrenkungen fehlt daher die Kontrastfolie, vor der die Abweichung ihre Komik entfalten könnte. Bei der x-ten Wiederholung desselben Schmähs stellt sich Überdruss ein; wenn Türenknallen, hysterische Schreckensschreie oder rhythmisches Stampfen der Belegschaft die Musik zu überlagern drohen, endet der Spaß.
Dass die körperbetonte, rasante Überinszenierung nicht zu Lasten der musikalischen Präzision geht, ist eine Meisterleistung des hochkarätigen Ensembles, das Cecilia Bartoli um sich geschart hat. Sie selbst leiht der Diva Corinna, die gerne zu Harfenklängen sinnarme Lyrismen in den Äther haucht, ihren dunkel gurrenden Mezzosopran. Am Ende steigt sie aus ihrer Rolle und springt als Cecilia Bartoli, „La Ceci“, aus einer riesigen Torte. Kosky lässt die Gäste nämlich nicht auf dem Weg zur Königskrönung stranden, sondern zum Geburtstagsfest der Intendantin der Pfingstfestspiele reisen, das demnächst tatsächlich zu feiern sein wird.
Gleichrangige Virtuosität
Die Bartoli ist nur eine aus der Schar gleichrangiger Virtuosinnen und Virtuosen, die diesen Abend zum Vergnügen machen. Tara Erraught kann als jodelnde Tiroler Badewirtin auch noch ihr „Schnackerl“ in Koloraturen verwandeln. Den stets eifersüchtigen russischen Graf von Libenskof gibt Misha Kiria mit trompetenhaftem Tenor und läppischem Gehabe. Ihm macht Peter Kellner als leidenschaftlicher Spanier Don Alvaro die polnische Marquise Melibea (Marina Viotti) streitig. Mélissa Petit karikiert virtuos eine nervige Pariser Modepuppe. Dmitry Korchak verkörpert in kanarigelber Uniform mit dröhnender Stimme den deutschen General Baron von Trombonok. Wie es das Klischee will, reißt der Preuße Finanzen und Organisation der Europäer an sich. Ildebrando D’Arcangelo verschwendet seinen prachtvollen Bass an die kleine Rolle des Lord Sidney.
Gianluca Capuano am Pult seiner „Musiciens du Prince“ aus Monaco reizt die grotesken Seiten von Rossinis Musik aus, ohne die Übertreibungen Koskys mitzumachen. Dem Publikum war es nicht zu viel, es dankte mit stehenden Ovationen.