Es hat Zeiten gegeben, da wäre Bärbel Bas die Vorzeigefrau der deutschen Sozialdemokratie gewesen. Die in Großbuchstaben. Und fett. Im Jahr 2026 steht sie gemeinsam mit Lars Klingbeil an der Spitze der SPD. Außerdem ist sie Ministerin für Arbeit und Soziales im Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz, der also eine Art Chef ist für Bas, zugleich als CDU-Boss aber auch ihr Kollege. Und da ist noch eine Verbindung. Sie hat – wie er – ihre Rhetorik nicht in jedem Moment unter Kontrolle.
Gerade steht die 58-Jährige mal wieder im Sturm. Im Bundestag hat sie, deren Ministerium eine Reformzentrale der schwarz-roten Koalition ist, die Frage des AfD-Abgeordneten René Springer „Warum sparen Sie nicht bei der Einwanderung in die Sozialsysteme?“ allen Ernstes mit dem Satz gekontert: „Niemand wandert in unsere Sozialsysteme ein.“ Springer, der Nicht-Deutschen mit Abschiebung droht – „millionenfach“. Das ist kein Geheimplan. Das ist ein Versprechen.“ – hat Bas provoziert; und sie ist ihm in die Falle gegangen.
Denn natürlich ist dieser Satz der Sozialministerin in dieser Verkürzung falsch. Und natürlich fliegt er Bas um die Ohren, dass es zischt und knallt. Dass die „Bild“ anhand aktueller Zahlen belegt, dass „vor allem Flüchtlinge im Sozialsystem dramatisch überrepräsentiert sind“: Das geht noch als das notorische SPD-Bashing des Boulevard-Blattes durch. Doch auch die eigenen Genossen aus der Kommunalpolitik zürnen in seriösen Medien. Und sagen Worte wie „falsch“ oder gar „Unsinn“…
Sie ist nicht leicht umzuhauen
Indes: Um Bas umzuwerfen, braucht es anderes. Mit „Mach mal!“ sei sie zu kriegen, hat sie vor Jahren der „Emma“ gesagt. Dann mache sie. Ausnahme: Als sie der härteste Schlag ihres Lebens traf, im Herbst 2020, als ihr Ehemann starb. Sie sei „acht Monate völlig aus der Bahn“ gewesen, erzählte Bas ein Jahr später ihrer Heimatzeitung „WAZ“. Keine Woche danach holte sie bei der Bundestagswahl ihren Wahlkreis im heimischen Duisburg zum vierten Mal direkt – wie stets mit einem Ergebnis deutlich über dem ihrer Partei.
Dass Bas einen guten Monat später zur ranghöchsten Frau der Republik aufstieg, war allerdings eine Überraschung. Als Bundestagspräsidentin folgte sie protokollarisch direkt aufs Staatsoberhaupt – und die Republik fragte: Bärbel Wer? Weil die Expertin für Gesundheit und Pflege vielen in Deutschland nie aufgefallen war. Die Frauen im Parlament aber, vorneweg die der SPD, die Bas durchsetzten, als der künftige Kanzler und selbsternannte Feminist Olaf Scholz einen Mann für den Job wollte: Sie lobten die Wahl. Bas’ Experten-Kollegin aus der Union, Karin Maag, nannte sie „das wandelnde Kontrastprogramm zu ihren Amtsvorgängern“.
Eine Arbeiterbiografie
Und tatsächlich ist Bas keine geschliffene oder gar lustvoll formulierende Intellektuelle wie die Christdemokraten Wolfgang Schäuble und Norbert Lammert. Sondern SPD wie gemalt: Herkunft Ruhrgebiet. Arbeitertochter. Hauptschulabschluss. Und dann hochgearbeitet und fortgebildet von der Bürogehilfin bis zur Abteilungsleiterin bei einer Krankenkasse mit mehr als 100.000 Versicherten.
Außerdem hat sie Fußball gespielt, Linksaußen und Libero bei der DJK Adler Duisburg. Bas liest Stieg Larsson-Krimis und hat eine Harley-Davidson – was nun die „FAZ“ dazu verleitet, ihr kritisches Bas-Porträt zu titeln: „Ministerin mit Totenkopf-Mentalität“. Weil sie das Erkennungszeichen dieser Bike-Fans sichtbar auf ihrer Smartwatch trage.
Kann gut sein, dass Bas bei dieser Zuschreibung gegrinst hat. Sonst hat sie wenig zu lachen gerade. Ihre Aufgabe, gleichzeitig Republik, Koalition und SPD vor dem Niedergang zu retten, ist monströs. Und bedeutet den Ernstfall, 24/7, schon mehr als ein Jahr. Wenn Bas versucht, das locker zu nehmen, wenigstens fürs Publikum: Dann geht das mitunter sehr schief.
Keine Vorzeigefrau
„Bullshit“ hat sie vergangenen Herbst die Kanzler-These genannt, Deutschland könne sich seinen Sozialstaat nicht mehr leisten. Dass das bei den Jusos war, dass sie sich vorab entschuldigte für den Ausdruck: Der Kanzler gab sich, anders als seine Partei, verständnisvoll. Als Bas – wieder bei den Jusos – dann aber über die „Herren in bequemen Sesseln, der eine oder andere im Maßanzug“ ablästert, damit die Arbeitgeber meint und zum gemeinsamen Kampf gegen sie aufruft, ist auch Merz das zu viel. Mit Vorzeigefrau der Bundesregierung wird es also nichts. Sowieso ist das nicht ihr Ziel. „Ich möchte“, sagt Bas, „mit meiner Politik das Leben der Menschen besser machen.“ Und vielleicht auch die Koalition. Der nämlich würde sie nach Jahr 1 gern einen mitgeben. „Den Spirit, gemeinsam was hinzukriegen.“