Krisenzeiten bringen ihre eigene Sprache hervor. Die Rhetorik spitzt sich zu und die politischen Debatten bekommen etwas fiebrig Flackerndes. Sich der weit verbreiteten Endzeitstimmung entgegenzustellen, fällt dem sturmgebeutelten Europa zunehmend schwer. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, eine taumelnde Wirtschaft, unkontrollierte Zuwanderung, die Folgen des Klimawandels und autoritäre Versuchungen nagen am Zusammenhalt.
Europas Vorzüge
Zu oft ist vom Trennenden die Rede, zu selten davon, was Europa eint, es auszeichnet, und zu einem Sehnsuchtsort gemacht hat, der es allen Schwierigkeiten zum Trotz für viele in der Welt immer noch ist. Dass der Pfingstdialog auf Schloss Seggau diesmal Europas Vorzüge hervorheben wollte, hatte daher etwas Befreiendes. Zwei Tage lang tauschten sich in der Südsteiermark kluge Köpfe über die Ertüchtigung des Kontinents aus, ohne freilich naiv die Wirklichkeit auszublenden.
„Moralischer Seismograf“
Zeichen der Hoffnung gebe es einige, meint Ladislav Német, der Erzbischof von Belgrad, und nennt zuvorderst die jungen Leute in Ländern wie Serbien und Ungarn, die sich nicht länger mit Korruption und autoritären Strukturen abfänden. „Die Jugend ist heute so etwas wie ein moralischer Seismograf. Sie spürt Unrecht, ehe es in den Statistiken sichtbar ist. Sie schüttelt die Urängste der älteren Generation ab und sie ist bereit, dafür auf die Straße zu gehen und persönliche Risiken einzugehen“, sagte der Kardinal. In Europa sieht Német in einer Welt wachsender Konflikte ein Friedensprojekt. Der Traum von Einheit dürfe nicht preisgegeben werden, warnt er. Die Kirchen könnten da als „Laboratorien des Dialogs und Schulen der Versöhnung“ wirken.
„Europäische Muslime oder Muslime in Europa?“
Doch wie ernst wird dieser Dialog in Europa geführt? Der arabisch-israelische Integrationsexperte Ahmad Mansour hat da so seine Zweifel. Einer der Grundirrtümer der Europäer sei ihr zu harmoniebedürftiges Verständnis von Demokratie. „Wir dürfen nicht im Namen der Toleranz intolerante Haltungen tolerieren“, ist er angesichts der wachsenden Islamisierung und des fest verwurzelten Antisemitismus in Zuwanderermilieus besorgt. Die Frage sei: „Wollen die Leute, die zu uns kommen europäische Muslime oder Muslime in Europa sein?“. Um die Neuankömmlinge an den westlichen Wertekanon heranzuführen, brauche es freilich eine Mehrheitsgesellschaft, die das Bekenntnis dazu einfordere, nicht einen „Rassismus der niedrigen Erwartungen“, so Mansour.
„Verwirrende Ambiguitäten“
Danielle Spera, die ehemalige Direktorin des Jüdischen Museums in Wien, erzählt, wie sich ihr Leben seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 geändert habe und nun von der bangen Frage bestimmt sei, ob es für Juden in Europa überhaupt noch eine Zukunft gebe. Freiheit brauche Regeln, meint der Theologe und Ethiker Matthias Beck und stellt die Frage, wie viel uns die Verteidigung unserer Werte wert sei.
Barbara Krenn, die Leiterin der Hauptabteilung Religion im ORF, wiederum glaubt, dass wir nie so richtig in einer pluralistischen Gesellschaft mit ihren oft verwirrenden Ambiguitäten zu leben gelernt hätten. Dem hält der Schweizer Publizist Roger de Weck entgegen, dass die Leute sehr wohl nuancieren würden. Europa trage die Ambiguität bereits im Namen. Es nenne sich nach einer phönizischen Prinzessin, die von dem in einen Stier verwandelten Göttervater Zeus entführt wurde – einer Ausländerin. De Weck sieht das als Auftrag, an Europas Werten festzuhalten. „Überall wo wir Maß und Mitte wahren, werden wir unsere liberale Demokratie behaupten.“
„Sich herauszuhalten, genügt nicht mehr“
Für den letzten Redner des Tages, den Politologen Herfried Münkler, ist das freilich nur unter der Voraussetzung möglich, dass Europa fester zusammengeführt wird, um die imperialen Geläste Russlands, Chinas und der USA abzuwehren. „Sich herauszuhalten, genügt nicht mehr“, sagt er. Europa müsse Handlungsmacht erringen, um die Dinge selbst steuern zu können."