Zwischen Äckern und Obstanlagen führt ein holpriger Weg zu jenem oststeirischen Anwesen, auf dem dieser Tage Schreckliches passiert ist. Im Ortsteil Gschmaier in der Gemeinde Gersdorf an der Feistritz soll ein 64-jähriger Mann bereits am Sonntag seine 59-jährige Ehefrau mit einem Kleinkalibergewehr erschossen haben.
Drei Tage lebte der Oststeirer nach mehreren Suizidversuchen neben seiner getöteten Ehefrau, ehe er eine Verwandte anrief, die sofort die Polizei alarmierte. Der Verdächtige wurde am Mittwochnachmittag am Tatort festgenommen.
Das Gehöft, auf dem die beiden wohnten, liegt abgelegen, wirkt versteckt. Und auch das Ehepaar soll sehr zurückgezogen gelebt haben. „Ich bin geschockt“, sagt Bürgermeister Erich Prem und ringt um Worte. Er ist am Donnerstagmorgen noch auf Urlaub und hat am Telefon von der tragischen Nachricht erfahren.
„Ich hätte ihm das niemals zugetraut“, sagt Prem, der den Mann kennt. Am Gemeindeleben habe das Paar kaum teilgenommen. Selten hat man es im Ort gesehen. „Sie hatten es schwer mit dem Leben“, erzählt der Bürgermeister, weswegen man die beiden Oststeirer von Seiten der Gemeinde immer wieder unterstützte. „Wir haben Holz vorbeigebracht“, erzählt er.
Auch übergab die Gemeinde dem 64-Jährigen eine Geldspende, die bei einer gemeinnützigen Aktion für bedürftige Gemeindebürger gesammelt worden war. „Es gibt wenige Häuser in Gersdorf in denen ich noch nicht war. Bei dieser Familie war das so. Wenn ich gekommen bin, haben sie bereits vor dem Haus oder im Stiegenhaus gewartet“, berichtet Prem und spricht von einer Tragödie, die hier passiert war.
Außerdem: „Die Frau war sehr kränklich. Ein Zeiserl“, so Prem. Wie berichtet, zeichne sich mittlerweile auch ein Motiv ab: Die Krankheit der Frau dürfte den Mann zu einer Verzweiflungstat getrieben haben.
Oft in Ilz eingekauft
Auch Erich Hafner, Vizebürgermeister der Gemeinde, beschreibt das Haus als sehr abgelegen. Er habe das Paar gekannt, doch „die beiden waren im öffentlichen Leben nicht vorhanden. Man hat sie bei keinem Park- oder Feuerwehrfest gesehen.“ Auch Vereinen waren die beiden wohl nicht zugehörig. „Was ich gehört habe, sind sie ab und zu nach Ilz in die Kirche gefahren“, so Hafner.
Das bestätigt der ehemalige Ilzer Pfarrer Peter Rosenberger. „Früher, als die beiden Kinder noch klein waren, war die Familie oft in der Kirche, der Sohn hat ministriert.“ In letzter Zeit habe er sie allerdings seltener angetroffen. „Am ehesten noch beim Einkaufen im Ort.“ Rosenberger zeigt sich sehr betroffen und spricht von einer tragischen Geschichte: „Anscheinend wurde das Leid dieser Familie von uns allen übersehen.“
In Gersdorf selbst findet sich niemand, der das Ehepaar persönlich kannte. Auch wo sich das Haus befindet und der Femizid passiert war, ist vielen unbekannt. Der Schock sitzt trotzdem tief. „Ich habe es heute in der Früh schon in der Zeitung gelesen. Wie kann so etwas bei uns am Land passieren?“, fragt sich eine Frau im einzigen Wirtshaus von Gersdorf und spricht somit aus, was vielen im Ort wohl gerade durch den Kopf geht.
Geschockt ist man auch im Nachbarort Ilz. Dort war das Ehepaar beinahe täglich zum Einkaufen und Kaffeetrinken anzutreffen. Die Tragödie ist am Donnerstagmorgen Gesprächsthema Nummer eins: „Ich war sehr betroffen, als ich die Nachricht gestern gehört habe“, sagt Dieter Baronigg. In seinem Kaufhaus war das Ehepaar Stammkundschaft. „Ich habe sie als zurückhaltend und unauffällig erlebt. Es ist wirklich tragisch. Die Betroffenheit im Ort ist groß.“