Die Auffahrtsrampe zum Wiener Parlament ziert neben anderen marmornen Sitzstatuen auch eine des bedeutenden Geschichtsschreibers Thukydides., der sich im 5. Jahrhundert vor Chr. mit dem Peloponnesischen Krieg beschäftigte.

Ausgerechnet den großen griechischen Historiker brachte nun überraschend der chinesische Präsident Xi Jinping ins Spiel, als er seinen Gast Donald Trump mit der „Thukydides-Falle“ konfrontierte: Die Vereinigten Staaten und China sollten sich dieser Falle bewusst sein und sie vermeiden. Gemeint ist der Aufstieg Athens in der Antike, die Furcht, die dieser Aufstieg bei der damaligen Großmacht Sparta auslöste, und letztlich der Krieg als tragische, scheinbar unvermeidliche Konsequenz.

Präsident Xi Jinping hat seine Worte definitiv wohlvorbereitet und mit Bedacht gewählt. Er wollte der Weltöffentlichkeit und seinem Staatsgast wohl eindringlich vermitteln, dass eine Eskalation zwischen den beiden Großmächten USA und China brandgefährlich sei. Potenzieller Auslöser: Taiwan, das von China als eigenes Territorium betrachtet wird, von den USA jedoch mit Waffenlieferungen unterstützt wird. Die Botschaft war klar: Finger weg von Taiwan, ansonsten droht großes Ungemach. Da verstehen wir keinen Spaß.

Die Lehren aus der Antike

Xi Jinpings Rückgriff auf die griechische Antike lehrt uns zweierlei:
1. China denkt extrem langfristig, über Epochen, und es denkt global.
2. China besteht auf Kontrolle und Einfluss in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Trump könnte das verstehen: Er hat nicht gezögert, in Venezuela zu intervenieren und Kuba droht möglicherweise Ähnliches. Und da wäre noch Russland, dessen Warnungen vor einer Erweiterung der NATO um die Ukraine nicht gehört wurden.

Es wird sich weisen, ob der respektvolle Umgang zwischen den Anführern Chinas und der USA auch in der näheren und mittleren Zukunft trägt. Und hoffentlich keiner der beiden in die „Thukydides-Falle“ tappt.

Gerhard Seifried, Ex-Journalist und Ex-Politiker, berät als Executive-Coach Manager und Politiker.

Gerhard Seifried
Gerhard Seifried © KLZ / Susanne Rakowitz