650 Höhenmeter Steilanstieg. Latschen, schottriger Weg, schroffe Konglomeratfelsen, tiefblauer Himmel, der immer größer wird. Andreas Fischbacher trägt ein knallgelbes Postkastl auf einer Kraxe, seine Frau Gudrun einen roten Rucksack, aus dem drei Holzstipfel herausragen. Begleitet werden sie von Günther Hammerer. Die drei sportlichen Ramsauer kennen diesen Weg so gut, dass sie ihn wohl auch in stockfinsterer Nacht finden würden. Dementsprechend flott steigen sie vom Alpengasthaus Edelbrunn bergwärts, deutlich schneller als die auf den gelben Wegtafeln angegeben Gehzeiten.

Oben angekommen, 1955 Meter über der Adria, beim alten Bankerl an einer Felswand des Dachsteingebirges: Die beiden Männer stemmen das Postkastl an den Fels, prüfen und justieren. Zwei Schrauben im Fels haben den Winter gut überstanden, an ihnen soll es befestigt werden. Nun kommt der legendäre 17er-Schlüssel zum Einsatz, um eine Metallschiene anzubringen. Jeder Handgriff sitzt.

Das Postkastl kam per Post

Gudrun Fischbacher sitzt derweilen auf der Bank und genießt die fantastische Aussicht. „Es war 2019, als ich die Idee dazu hatte“, blickt sie zurück. Anfangs wurde der Rittisberg als Standort angedacht, doch „das wäre zu einfach gewesen, weil man dort ja auch mit dem Lift raufkommt. Der Platz für das Postkastl sollte nur zu Fuß erreichbar sein. Mir war wichtig, dass man sich das Schreiben und Versenden einer Ansichtskarte verdienen muss“, betont sie. Beim damaligen Tourismusverband Ramsau fand sie zwar Gehör, die praktische Umsetzung wurde jedoch ihr überlassen.

Also fragte sie sich telefonisch durch und landete schließlich bei einer netten Postangestellten in Graz. Diese war sofort begeistert und kooperativ – das Postkastl kam also stilgerecht per Post in die Ramsau. Doch unmittelbar danach folgte ein Anruf der Angestellten, die einen Fehler eingestand. Sie hätte das eigentlich nicht tun dürfen, weil die Post die regelmäßige Entleerung an diesem Standort nicht sicherstellen könne. „Ich habe das nicht weiter kommentiert und die nette Frau hat sich auch nicht mehr gemeldet. Einige Zeit später haben wir das Postkastl einfach montiert“, erzählt Fischbacher schmunzelnd.

Ideengeberin Gudrun Fischbacher
Ideengeberin Gudrun Fischbacher © Martin Huber

Ein Freundeskreis und eine WhatsApp-Gruppe

Für das regelmäßige Ausleeren und Bestücken mit neuen Ansichtskarten hat ein Freundeskreis Verantwortung übernommen, der keine Vereinsstatuten braucht: Gudrun und Andreas Fischbacher, Günther Hammerer, Iris Perner, Tanja Schrempf, Gerhard Grubinger, Markus Perner sowie die eine oder andere Aushilfe. Ihre Einsätze koordinieren sie in einer WhatsApp-Gruppe namens „Postkastl“. Bis Ende Oktober trägt zweimal wöchentlich jemand aus dieser Gruppe die frische Post ins Tal und bringt sie zum Tourismusverband Schladming-Dachstein.

Dort erhält jede Karte eine echte Briefmarke, bevor sie schließlich zur Post gebracht wird. So manche Karte reist sehr weit: Australien, Südafrika, Japan oder Uruguay waren zum Beispiel bereits Zielländer. Knapp 4.000 Karten wurden allein im vergangenen Sommer ins Postkastl am Jungfrauensteig eingeworfen. „Hin und wieder liegt zwischen den Karten sogar ein Geldschein, ergänzt mit Botschaften wie: „Der Postler hat sich ein Bier verdient!“ Oder: „Danke fürs Runtertragen.“ Diese wertschätzenden Gesten motivieren uns“, freut sich Fischbacher.

„Schreib mal wieder“

Die beiden Männer haben in der Zwischenzeit das etwas ramponierte Bankerl begradigt und mit Hilfe der mitgebrachten Holzstipfel stabilisiert. Sie verlieren kein großes Wort darüber. Wer so oft hier heroben war, sieht sofort, was zu tun ist. Und tut es einfach. Außerdem haben sie einen kleinen Tisch aufgestellt, damit Wanderer ihre Karten auf einer geraden Unterlage schreiben können.

Ob das funktioniert, probieren die Drei gleich aus, schreiben die ersten Karten der neuen Sommersaison und werfen sie in „ihr“ Postkastl. „Schreib mal wieder“, steht auf dessen Vorderseite. Viele nehmen sich das zu Herzen. Und schreiben dann tatsächlich eine Ansichtskarte – so wie früher. Sie kommt an. In mehr als einem Sinne.