Schon während meiner Zeit im Ausland war eine der eindrücklichsten Erkenntnisse: Wir Menschen sind uns ähnlicher als wir denken. Gesetzt natürlich, die äußeren Umstände lassen es zu. Dann nämlich, wünschen Eltern ihren Kindern das Beste. Und sorgen sich um dieselben Dinge. Kinder spielen gerne Fußball, essen gerne Eis. Und mit dem Nachwuchs wird diskutiert – je nach Alter, über dieselben Themen. Und das dringt dann durch die offene Balkontüre nach außen. Auch in einem der außergewöhnlichsten Stadtteile der Welt: Mareterra in Monaco.
Eine neue Wohngegend auf sechs Hektar Fläche, die dem Mittelmeer abgerungen wurden und die den Stadtstaat nun um drei Prozent größer macht. Neun Jahre dauerte es vom Beschluss des Vorhabens bis zur Eröffnung. Besonders nachhaltig habe man während dem Bau gedacht. Man habe eine Möglichkeit gefunden, mit der Natur zu kooperieren, trotz menschlichen Bauvorhabens. So heißt es im Erklärvideo, das vor der Grotte Bleue im für die Öffentlichkeit zugänglichen Teil von Mareterra läuft.
Das Seegras „Posidonia“ hat man transplantiert, artifizielle Korallendörfer für die Besiedelung durch die Natur angelegt und Riffe restauriert. Die Betonkonstruktionen, Caissons genannt, die das Meer vom neuen Land trennen, sind so gebaut, dass sie auch für Meeresbewohner als Zuhause dienen. Tiefgaragen gibt es in diesem Viertel nicht. Stattdessen blickt man da, wo sonst der Keller ist, auf die Wellen und wie sie zwischen dicken Pfeilern an die Bausubstanz peitschen. Sogar an den Entspannungsgrad des überirdischen Lebens hat man gedacht. Hier soll der ganz und gar mit Rosenquarz ausgestattete „Meditation Room“ der Künstlerin Tia-Thuy Nguyen gute Vibes verschaffen.
Architekturprojekt von Stararchitekt Renzo Piano
Mareterra besteht aus einem Hochhaus, dem stolzen „Le Renzo“, benannt nach dem Stararchitekten Renzo Piano. Einer von mehreren schillernden Namen wie Tadao Ando und Norman Foster, deren Denkweise in Mareterra verankert ist. „Le Renzo“ ragt keinen Kilometer hinter dem Casino von Montecarlo in strahlendem Weiß auf, in seinem Schatten erstrecken sich „Les Townhouses“ mit bewachsenen Dächern, sowie die immer noch hochgeratenen Gebäude der „Jardins d’ Eau“. Am Meer entlang liegen noch einige private Villen.
Ein Projekt, das es in der Form in Monaco nicht mehr geben wird, verkündet Fürst Albert II. bei der Eröffnung Ende 2024. Mareterra ist eine wichtige Einnahmequelle für den Stadtstaat und auch der internationale Immobilienmarkt findet für das Projekt nur Superlative. In monetärer Hinsicht: Der Quadratmeterpreis erreicht mitunter bis zu 120.000 Euro, heißt es. Und was Nachhaltigkeit betrifft: Erneuerbare Energie aus 9000 Quadratmetern Solarpanelen bewältigen 80 Prozent des Heiz- und Kühlungsaufwands im Viertel. Die Hälfte des Regenwassers wird wiederverwendet und lagert dafür in 600 Kubikmeter fassenden Becken. 27.000 Quadratmeter der neu geschaffenen Fläche sind bepflanzt, 800 Bäume wachsen auf dem Land am Meer.
Das sind nur einige der Zahlen, auf die die Macher von Mareterra stolz sind. Schließlich soll es auch in nachhaltiger Hinsicht ein Vorzeigeprojekt sein, das Natur und Mensch verbindet. Landschaftsplaner Michel Desvigne erzählt, dass der Stadtteil von Pinienwald an der mediterranen Küste inspiriert ist. Dass darauf geachtet wurde, wo auch nur möglich, grüne Inseln, mediterrane Pflanzen und Bäume anzusiedeln.
Zwischen Bugattis, Carspottern und Familienalltag
Tatsächlich mutet der Spaziergang durch das Viertel erstaunlich normal an. Dass der gesamte Bereich Fußgängerzone ist, hat Seltenheitswert in der Grand-Prix-Metropole Monaco. Auf die Promenade am Meer entlang sind alle Bewohner und Besucher eingeladen. Auch hier hüpfen Kinder fröhlich in den Pool, Hunde und deren Besitzer schlendern am Kai. Der Abschnitt vor Le Renzo eignet sich sogar zum Skaten.
Und doch bleibt das Fürstentum ein Kosmos für sich: Eine 40 Quadratmeter-Wohnung kostet hier so viel wie anderswo ein Schloss. Bugattis sind hierzulande die Volkswagen, was wiederum Carspotter nach Monaco schwemmt. Das sind Menschen, die extra für den Anblick, ein Foto und manchmal auch fürs untersagte Streicheln von Ferrari und Co. anreisen. Und diese seien nicht in Mareterra erwünscht, erzählt Concierge Joan, der seit der Eröffnung in einem der Häuser der „Jardins d’ Eau“ arbeitet.
Natürlich bewohnten auch einige bekannte Gesichter die Wohnungen von Mareterra, erzählt Joan, ohne Namen zu nennen. Ansonsten aber sei alles ganz normal, so der Concierge. Nach getaner Arbeit fährt nach Hause ins weitaus günstigere Frankreich, wie die meisten seiner Branchenkollegen in Monaco. Kein Kilometer weiter rollt das Roulette im bekanntesten Casino der Welt. Und die Diskussion über die Notwendigkeit von Sonnencreme im Gesicht von Siebenjährigen hinter vom Wind verwehten Balkonvorhängen geht in die zweite Runde.