Es sei das Jahr angebrochen, „in dem Künstliche Intelligenz die Art, wie wir arbeiten, dramatisch verändert“. Sagte Mark Zuckerberg, Gründer und Chef der Facebook-Mutter Meta, und drückte auf die Löschtaste: 8000 Jobs werden beim Digitalkonzern gestrichen, 6000 Neueinstellungen gestoppt. Man müsse „effizienter“ werden, KI sei die diesbezügliche Triebfeder. Ein Gedanke, den Mark Zuckerberg längst nicht exklusiv gepachtet hat. Auch Oracle, Amazon und Microsoft kündigten mit Verweis auf KI Kündigungswellen an. Die Plattform TradingPlatforms listet für das immer noch junge Jahr 2026 exakt 93.038 gekürzte Jobs im Tech-Sektor. Eine Disruption, wie sie im Buche steht?
Naja. Immerhin mehren sich im Silicon Valley zugleich auch Stimmen von Expertinnen und Experten, die nicht vom Aderlass, sondern lieber von einem „Employee Replacement“ im großen Stil sprechen. Also einem Austausch von Beschäftigten. Die Tech-Riesen würden schlichtweg nach neuen Jobprofilen suchen und zugleich massenhaft teure Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freisetzen, um Kapital für die Milliarden-Investitionen in riesige Rechenzentren frei zu machen. Unterfüttert wird die Theorie gerne mit dem statistischen Blick in die jüngere Vergangenheit.
„Arbeitswelten bereits unmittelbar massiv beeinflusst“
So vermeldete etwa Suchmaschinen-Krösus Google Ende 2025 mit 190.820 Personen den höchsten Beschäftigtenstand aller Zeiten, wie das US-Medium The Information penibel auflistet. Obwohl man zwischen 2023 und 2024 rund 15.000 Jobs abbaute, wohlgemerkt. Auch bei Meta lässt sich ein stark ausgeprägter Zickzack-Kurs beobachten. Zählte der Konzern Mark Zuckerbergs 2022 noch 87.000 Beschäftigte, waren es nach einem personellen Rundumschlag 2023 nur mehr 66.000. Zuletzt stieg die Zahl schließlich wieder auf 80.000, bevor nun wieder ein Zehntel der Belegschaft gestrichen wird. Wie dem auch sei, dass Künstliche Intelligenz Arbeitswelten bereits unmittelbar massiv beeinflusst, steht außer Frage. Klar ist auch: Am Beispiel der Software-Branche zeigt sich das besonders deutlich. Egal mit welcher Protagonistin oder welchem Protagonisten man spricht, alle sehen sie bereits deutliche Änderungen in Arbeitsalltag und Berufsbild.
Markus Seme etwa ist jemand, der auf jahrzehntelange Erfahrung in der IT-Branche zurückblickt. Seit Kurzem hat der langjährige Chef von BearingPoint Österreich mit BrightFlare ein auf Cybersecurity spezialisiertes Start-up ausgegründet. KI verändere laut Seme nicht nur die Art und Geschwindigkeit der digitalen Angriffe, sondern auch die Anforderungen an die Verteidiger. Erfahrene Entwicklerinnen und Entwickler, die Software-Architekturen gut verstehen und KI-Tools besonders sinnstiftend einsetzen, würden enorm an Bedeutung gewinnen, während der Bedarf nach der Arbeit, die stets von Junior-Entwicklern erledigt wurde, aktuell zurückgehe. Ähnliches vernimmt man derzeit von ersten Anwaltskanzleien, die intensiver mit spezialisierten KI-Programmen wie Harvey arbeiten.
In der Software-Branche wird eine weitere Umkehr festgestellt. War vor nicht langer Zeit wegen fehlender Fachkräfte das Coding der Flaschenhals im Geschäft, stelle sich die Situation heute völlig anders dar. Dank KI-Anwendungen wie Claude Code werden rasend schnell Unmengen an Code geschrieben, die Herausforderung sei nun, diese Zeilen in ein Produkt oder Projekt zu stecken. „Ich suche eigentlich seit Monaten nur nach neuen Projektmanagern“, schildert ein Unternehmer.
35 Prozent aller neuen Webseiten entstehen KI-generiert
Passend dazu eine aktuelle Zahl: 35 Prozent aller neu veröffentlichten Webseiten entstehen KI-generiert oder zumindest in großem Maße KI-assistiert, sagt eine Studie von Forschenden des Imperial College London und der Stanford University. Vor Veröffentlichung des Chatbots ChatGPT im Herbst 2022 lag dieser Anteil laut den Wissenschaftern de facto bei 0. Ja, man habe es mit einer der schnellsten Transformationen der Digitalgeschichte zu tun, wird erklärt.
„Drei Prozent klingt auf den ersten Blick wenig, aber . . .“
Diese macht in einer globalisierten Welt freilich auch vor Österreichs Jobmarkt nicht Halt. Wenngleich die Wucht der Debatte statistisch hierzulande noch kaum – oder nur schwierig – festzumachen ist. Georg Konjovic, Chef des Jobportals Karriere.at, ist einer, der so gut wie alle Statistiken zum heimischen Arbeitsmarkt kennt. Um den KI-Trend in Zahlen zu fassen, tauchte er tief in die Welt der Jobinserate auf dem eigenen Portal ein.
Ein Ergebnis: Im Jahr 2025 hatten drei Prozent aller Stelleninserate auf der Online-Plattform einen direkten Bezug zu Künstlicher Intelligenz. „Drei Prozent klingt auf den ersten Blick wenig“, sagt Konjovic. Aber: Die Entwicklung weise eine „große Dynamik“ auf, zumal gehe er davon aus, dass viele Jobs die Anwendung von KI-Tools beinhalten, dies aber nicht explizit im Inserat erwähnt wird. KI schleicht sich auf den Arbeitsmarkt.
Dennoch mahnt der Arbeitsmarktspezialist im Gespräch mit der Kleinen Zeitung auch eine realistische Betrachtung und die Portion Zurückhaltung ein: „Noch ist die Technologie offenkundig nicht in der Breite der Unternehmen angekommen.“ Untergangsfantasien will Konjovic keine vorantreiben, er tendiert eher zur Nüchternheit: „Ich hab eine Grundüberzeugung: Menschen müssen adaptiv bleiben. Egal, was kommt.“
Plädoyer für öffentliches Weiterbildungsbudget
Kein Anhänger eines „Jobverlust-Weltuntergangsszenarios“, ausgelöst durch KI, ist auch der Chef des Arbeitsmarktservice Österreich, Johannes Kopf. Wenngleich Kopf definitiv mit heftigen Veränderungen rechnet. So werde Österreich langfristig „zehntausende, vielleicht hunderttausende Jobs“ durch KI verlieren, prognostiziert der AMS-Chef. Zugleich würden viele neue Arbeitsplätze entstehen. Eine konkrete Gegenüberstellung sei noch nicht möglich, noch immer sei man hier an einem zu frühen Zeitpunkt.
Jedenfalls, so Johannes Kopf, sei es „sehr sinnvoll, wenn unsere Beschäftigten mit dieser Technologie umgehen können.“ Er plädiert deswegen für ein öffentliches Weiterbildungsbudget, das explizit auf KI-Qualifizierung abzielt. So könnte sukzessive ein Wettbewerbsvorteil am Standort entstehen. „Um die Potenziale nutzen zu können, die KI uns ermöglicht, muss die Qualifikation eine höhere sein“, heißt es auch von der Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin Ljubica Nedelkoska, die am Complexity Science Hub in Wien zu Technikfolgen am Arbeitsmarkt forscht.
„Widerstandsfähig gegenüber KI-gestützter Automatisierung“
Abschließend noch zur Frage, ob es auch „KI-resistente“-Branchen gibt? In einer Coface-Studie wurde die Automatisierbarkeit von 923 Berufen in fast 30 Ländern analysiert. Dabei zeigt sich zumindest, dass jene Tätigkeiten, die stark an physische Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche Interaktion gebunden sind, „heute als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber KI-gestützter Automatisierung gelten“. Genannt werden Handwerk, Pflege, Gastronomie oder persönliche Dienstleistungen.