Bewegungsmangel, Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen, soziale Isolation oder Luftverschmutzung: Die Liste an Risikofaktoren für Demenzerkrankungen ist lang. Dass eine alternde Gesellschaft wie die unsere zunehmend davon betroffen ist, macht die Suche nach Auswegen umso dringlicher. Ein vielversprechender Ansatz zur Früherkennung des Demenzrisikos wird zurzeit an der Med Uni Graz verfolgt – im Projekt „Lethe-AT“.

Lethe war in der griechischen Mythologie ein Fluss in der Unterwelt, dessen Wasser die Erinnerungen der Verstorbenen an ihr früheres Leben vergessen ließ. Erinnerungen und geistige Fähigkeiten zu bewahren ist hingegen das Ziel der Forscherinnen und Forscher, die in dem interdisziplinären Projekt Methoden zur rechtzeitigen Identifikation von Risikopatienten ausloten.

Präventive Maßnahmen könne Krankheitsverlauf verzögern

„Wenn wir so früh wie möglich mit präventiven Maßnahmen ansetzen, lässt sich der Krankheitsverlauf verzögern. So können Patientinnen und Patienten möglichst lange in den eigenen vier Wänden weiterleben“, so die Neuropsychologin Marisa Koini, die am Projekt beteiligt ist.

Koini beschäftigt sich seit 16 Jahren mit den Folgen von Demenzerkrankungen wie etwa Alzheimer und untersucht an der Ambulanz für Gedächtnisstörungen Patienten am Beginn der Erkrankung. Um den Krankheitsverlauf einzudämmen, müsse früh angesetzt werden: „Schon bevor der geistige Verfall einsetzt, lassen sich Veränderungen am Gehirn feststellen, die mit bildgebenden Verfahren erkennbar werden. Aber auch Veränderungen im Verhalten der Betroffenen geben früh Aufschluss über ein mögliches Krankheitsrisiko“, sagt Koini, die diesen Veränderungen auf den Grund gehen will.

Marisa Koini forscht an der Med Uni
Marisa Koini forscht an der Med Uni © KLZ

MedUni Graz startet Studie mit 100 Teilnehemenden

Zu diesem Zweck startete an der Med Uni Graz eine Studie, die 100 Teilnehmende im Alter von 55 bis 75 Jahren umfassen soll. Sie werden mit einem Smartphone und einer Smart-Watch ausgestattet, die Daten wie die Bewegung und Schlafqualität erfassen. „Eine App wird den Probanden zudem Vorschläge für gesunde Rezeptideen machen, sie zu körperlicher Aktivität motivieren und soziale Kontakte fördern“, sagt Koini. Die Absicht dahinter: durch Veränderungen des Lebensstils das Demenzrisiko zu senken.

Denn wer früh genug damit beginnt, gegenzusteuern, hat größere Chancen, möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Raucher und Menschen mit hohen Cholesterinwerten haben es in der Hand, gesünder zu leben und so den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen. Auch nachlassendes Seh- und Hörvermögen sind Risikofaktoren, die sich eindämmen lassen“, sagt Koini über die Therapiemöglichkeiten bei früher Erkennung des Demenzrisikos.

Demenz-Präventionsprogramm als Ziel

Mit dem Sammeln und Auswerten von Daten aus dem Projekt erhofft sich das Forschungsteam hinter der Studie, ein Demenz-Präventionsprogramm für die Allgemeinbevölkerung entwickeln zu können. Je länger die Begleitung der Patientinnen und Patienten vonstatten geht und je früher sie beginnt, desto genauer sind auch die Ergebnisse der Datenerfassung.

Noch werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Studie gesucht: „Wir hoffen auf Menschen, die sich den Bereichen Ernährung, Bewegung, Sozialkontakte und Entspannung bzw. Schlaf weiterentwickeln möchten. Kognitives Training und Risikofaktormanagement sind ebenfalls Aspekte des Programms.

Teilnehmende für Stuide gesucht

Wichtig ist, dass die Teilnehmenden einen Wunsch verspüren, etwas in ihrem Leben zu verändern“, sagt Koini. Zu Beginn und zum Ende der auf 18 Monate angelegten Studie werden die Probandinnen und Probanden jeweils in einem MRT-Gerät untersucht, um die Veränderungen des Gehirns im Verlauf der Zeit nachvollziehen zu können.

Im Jahr 2027 sollen erste Ergebnisse aus dem Projekt vorliegen, die Zeit drängt: Bis 2050 wird die Zahl der Menschen mit Demenz weltweit von derzeit etwa 55 Millionen auf über 130 Millionen steigen. In Österreich leben derzeit etwa 170.000 Menschen mit Demenz. Dieser Anstieg stellt erhebliche Herausforderungen für das Gesundheits- und Pflegesystem dar.