Unser Spaziergang beginnt am alten Flusshafen, einem der wichtigsten archäologischen Gebiete und dem Wirtschaftsmotor des dichten Handelsnetzes, das Aquileia vor 2000 Jahren wachsen ließ. Die Ufermauern, die Kais, die Ankerblöcke, die Lagerhäuser, die Verbindungsrampen zu den Ladeflächen und die Straßenkreuzungen, die ins Herz der Stadt führten, vermitteln noch heute einen lebendigen Eindruck von den majestätischen und funktionalen Strukturen der Stadt. Sie lassen uns das rege Treiben des Verkehrs und Handels, die Vielfalt der Waren sowie die Arbeit der zahlreichen Hafenarbeiter und die kulturelle Mischung der ethnischen Gruppen erahnen. Wer die mit Zypressen gesäumte Via Sacra entlanggeht, darf sich vorstellen, dass sich unter dem Pfad (der in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts gestaltet wurde) ein fast 50 Meter langes Flussbecken auftat, in dem Boote verschiedener Größen aus dem gesamten Mittelmeer anlegten.
Nachdem wir den Flusshafen verlassen haben, gelangen wir zur Ausgrabungsstätte Fondi Cossar, wo sich der beeindruckende Domus di Tito Macro befindet – einer der größten Wohnsitze des Römischen Reiches in Norditalien. Auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern erstreckt sich das Gebäude über 77 Meter in der Länge und 25 Meter an seiner breitesten Stelle, eingebettet zwischen zwei gepflasterten Straßen (kleine Cardi) im südlichen Teil der Kolonie, die 181 v. Chr. gegründet wurde. Hier wurden bedeutende Funde entdeckt, darunter das berühmte Mosaik „Ratto d‘Europa“, der kunstvolle Fußboden mit Weinreben und Schleifen sowie das „ungefegte Bodenmosaik“, die heute im Archäologischen Nationalmuseum ausgestellt sind. Ein weiteres herausragendes Mosaik, „Der gute Hirte“, ist derzeit provisorisch im Palazzo Meizlik untergebracht. Auf unserem Weg zum Nationalmuseum, nachdem wir die Piazza Capitolo überquert und die Via Popone passiert haben, machen wir Halt an der archäologischen Stätte Fondo Cal. Hier befand sich ein Wohngebiet mit Überresten zahlreicher Häuser aus dem 1. bis 5. Jahrhundert. Dieses Gebiet wurde kürzlich restauriert und durch ein neues System von Stegen zugänglich gemacht. Dank der neuen Beleuchtung kann die Stätte zu speziellen Anlässen nun auch bei Nacht besichtigt werden.
Das Archäologische Nationalmuseum
Das wenige Schritte von der Regionalstraße entfernt liegende Museum präsentiert sich seit einem Komplettumbau im Jahr 2018 in einem völlig neuen Licht: Der aktuelle Ausstellungspfad ermöglicht es, die Geschichte der römischen Stadt chronologisch zurückzuverfolgen, wobei der Fokus auf der Funktion der Stadt als großes kosmopolitisches Zentrum liegt, das ein strategischer Knotenpunkt zwischen Orient und Westen bzw. dem Mittelmeer und Nord- und Osteuropa war. Die neue Einrichtung erzählt mit ihren zahlreichen Sammlungen von der strategischen Rolle Aquileias als Epizentrum des Seeverkehrs im Mittelmeer. Inschriften, Grabstelen und Bildnisse sowie die einzigartigen Sammlungen von Edelsteinen und Artefakten aus Bernstein, Keramik und Glas bezeugen die bedeutende wirtschaftliche Rolle der Stadt im Römischen Reich
Nach dem Museumsbesuch begeben wir uns auf die letzte Etappe dieses Rundgangs zum Thema Meer entlang des Fondo Pasqualis, wo einst antike Märkte und ein Handelsgebiet südlich der Basilika entstanden – das wirtschaftliche und soziale Zentrum des spätantiken Aquileia. Ausgrabungen der Universität Verona belegen, dass der Zugang sowohl von Norden – also von der Basilika – als auch vom Fluss aus erfolgte. Darauf weisen die Öffnungen in der äußersten der beiden freigelegten Stadtmauern hin. Der Komplex bestand vermutlich aus mindestens vier parallel angeordneten Gebäuden, jeweils umgeben von Plätzen mit Arkadengängen und Geschäften. Letztlich gelangen wir zur Patriarchalbasilika, die eine der erstaunlichsten Mosaikflächen des Westens beherbergt. Das aus dem 4. Jahrhundert stammende Mosaik, das gleich beim Betreten ins Auge sticht, ist 750 Quadratmeter groß und reich an Symbolen, Elementen und allegorischen Figuren. Einen Großteil des Mosaiks, nämlich ganze 340 Quadratmeter, nimmt das „Meer von Jona“ ein, auf dem Meerestiere und Angelszenen zu sehen sind. Darunter befinden sich die drei Szenen der Geschichte des Propheten aus dem Alten Testament (Jona wird vom Seeungeheuer verschluckt; Jona wird vom Tier ausgespien; Jona ruht unter einem Kürbisgewächs). Abgesehen von den Anspielungen auf die Botschaft der Evangelisierung, beeindrucken die Vielfalt und Wiedererkennbarkeit der abgebildeten Fische und Vögel: Aale, Quallen, Meerbarben, Rochen, „Meeresknöpfe“, Oktopusse, Delfine, Krickenten und andere Enten repräsentieren nicht irgendein Meer, sondern ganz konkret die Adria