InterviewJohannes Schick verlässt Stölzle: „Silvester war für mich die Initialzündung“

Die Hintergründe warum CEO Johannes Schick nach 14 Jahren die Stölzle Glas-Group verlässt: Der 53-Jährige lässt seine Zukunft noch offen und will „verrückte Dinge“ tun, für die die Zeit fehlte.

Johannes Schick verlässt nach 14 Jahren die Stölzle Glasgroup © Robert Cescutti
 

Ende März wurde völlig überraschend bekannt, dass Sie die Stölzle Glas-Gruppe nach 14 Jahren auf eigenen Wunsch verlassen. Was hat Sie dazu bewogen?
Johannes SCHICK: Es ist eine Entscheidung, die ich mir gut überlegt habe. Stölzle ist ja mein Baby. 14 Jahre sprechen für sich. Meine Söhne mit 25 und 27 Jahren stehen auf eigenen Füßen und haben ein abgeschlossenes Studium und meine Jüngste, sie ist 23, wird in einem Jahr fertig. Am Silvesterabend treffen wir uns alle und machen einen Jahresrückblick. Wir waren am Arlberg Skifahren und haben geredet, wie dankbar wir sind. Meine Frau und ich sind seit mehr als 30 Jahren zusammen, haben schon unsere Silberne Hochzeit gefeiert. Die Kinder haben gesagt: ,Mensch Papa, ihr seid so verliebt wie vor 30 Jahren. Was habt ihr noch vor?‘ Da habe ich zum Nachdenken angefangen, das war die Inititalzündung. Bei Stölzle hatten wir 2017 das beste Jahr der Geschichte, es gab also keinen Grund.

Dennoch haben Sie gekündigt. Was hat noch dazu geführt?
Ende Februar traf ich mich mit meinen Eltern, die Mitte 80 sind, in Spanien und hatte nur zwei Tage Zeit. Meine Mutter hat gefragt, ob ich mit den Gedanken überhaupt da sei und mir auch sonst noch einige lieb gemeinte Worte gesagt. Da habe ich mich gefragt: Ist es das?

Wie war Ihre Gattin in Ihre Entscheidung eingebunden?
Meine Frau hat immer gesagt, folge deinem Herzen. Im Februar hatte ich ein gutes Gespräch mit unserem Eigentümer, da hatte ich mich noch nicht entschieden. Er hat mir gesagt, ich könne hier so lange arbeiten, bis ich in Pension gehe und fragte, was mich noch antreibe. Eine spannende Frage. Danach habe ich aber immer mehr über einen Ausstieg nachgedacht, bis sich der Gedanke verfestigt hat.

Wann haben Sie den Eigentümer Cornelius Grupp informiert?
Am 27. März habe ich es ihm mitgeteilt und ihm keine Chance gelassen, mich umzustimmen. Ich habe ihm die Kündigung gegeben. Er hat souverän reagiert, wir hatten ja unglaublich intensive Zeiten miteinander. Auch schwierige Zeiten als Bärnbach geschlossen wurde.

War die Schließung von Bärnbach Ihre schwierigste Phase?
Ja, ich musste etwas opfern, um das andere zu erhalten. Dadurch konnten wir Köflach neu entstehen lassen. Die Schließung Bärnbachs war ein harter Schritt für mich, weil die Leute das damals nicht verstanden haben, wir mussten 70 Arbeitsplätze abbauen. Heute hat Köflach 450 Arbeitnehmer, weit mehr als damals beide Standorte zusammen. Die Entscheidung war die richtige.

Was ist in den 14 Jahren besonders gut gelungen?
Seit 2014 ist der Standort Köflach einer der ertragsstärksten der Gruppe. Wir haben viel in die Personalentwicklung investiert, neue Kunden gewonnen. Jetzt spielen wir in der Europa League. Das Schöne ist, wir haben eine begeisterungsfähige Mannschaft. Die Menschen haben Selbstbewusstsein entwickelt, leisten gewissenhaft und mit Leidenschaft ihren Beitrag. Da geht vieles leichter. Mir war der Faktor Mensch immer wichtig. Mit den Büroräumen und dem Ausbildungszentrum haben wir ein Zeichen gesetzt. Als ich kam, erzeugten wir 900 Millionen Flaschen im Jahr, derzeit sind es 1,8 Milliarden.

Hatten Sie bei Ihren Plänen die Unterstützung des Eigentümers?
Unser Eigentümer ist ein großartiger Investor, auch wenn man ihm das aus der Rippe schneiden muss. Es gab immer eine klare Zielorientierung.
Was zählt zu Ihren schönsten Erinnerungen?
Am Heiligen Abend 2009 bekam ich den Anruf, dass unsere tschechische Fabrik abgebrannt ist. Die Köflacher sind ohne Murren nach Tschechien gefahren und haben geholfen das Werk in nur sieben Monaten wieder aufzubauen, obwohl die Firmen in einer gewissen Konkurrenz zueinanderstanden. Das war großes Kino und ein bewegender Moment.

Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?
Ich bin jetzt 53 Jahre alt und will vielleicht dieselbe Zeit, die ich bei Stölzle verbrachte, noch woanders tätig sein. Es könnte Firmen geben, die auch am Boden sind. Bei Stölzle habe ich den Höhepunkt erreicht. Das ist ein guter Punkt, etwas Neues zu machen. Ich würde nie ein Unternehmen zurücklassen, dass in Schieflage und nicht aufgeräumt ist.

Wo werden Sie konkret weitermachen?
Ich habe versprochen, bis zum letzten Tag Gas zu geben, das geht nicht, wenn man mit dem Kopf woanders ist. Ich lasse das an mich herankommen. Es sind Leute an mich herangetreten und ich habe ein paar grobe Überlegungen. Eventuell werde ich im Herbst etwas Neues beginnen. Vielleicht strebe ich etwas an, das mir selbst gehört. Es kann sein, dass es mich ins europäische Ausland verschlägt, nach Deutschland, England, Frankreich, Italien. Vielleicht auch in die Staaten. Das muss ich nur meiner Frau und mir erklären. Momentan will ich für meine Eltern da sein, Freundschaften pflegen und verrückte Dinge tun, für die die Zeit fehlte.

Was wird Ihnen künftig aus der Weststeiermark abgehen?
Das Lächeln der Mitarbeiter, das kann man nicht mit Geld aufwiegen. Wir haben bei Stölzle in allen Werken eine respektvolle Kultur, offen und von Wertschätzung geprägt. Und es ist das gemeinsame Schaffen der Leute, das mir fehlen wird.

Worauf sollte man künftig achten?
Dass alle Stölzleaner weiterhin ihre Meinung sagen. Meine größte Sorge ist es, dass die Leute in die alte Schiene zurückfallen, das wäre jammerschade.

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