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Sommergespräch

"Hätte nicht in Österreich bleiben sollen"

Austropopper Boris Bukowski über die NS-Vergangenheit seines Vaters, die Verbundenheit mit seiner 99-jährigen Mutter, den Drogen-Konsum und das Dasein als Bühnenopa ohne erkennbares Ablaufdatum.

© Franz Brugner
 

Mick Jagger von den Rolling Stones ist heuer Urgroßvater geworden. Sie selbst gehören mittlerweile auch der Großvater-Generation an. Wie sehr brennt in Ihnen als Bühnenopa noch das Feuer des Rock'n'Roll?

BORIS BUKOWSKI: So wie einst (lacht). Für mich gibt es nichts Schöneres als auf der Bühne zu stehen. Ich toure nach wie vor mit zwei Programmen durch die Lande. Entweder mit meiner vierköpfigen Band oder zusammen mit einem E-Gitarristen. Als Duo treten wir auf Kleinkunstbühnen oder in Clubs und Lokalen auf. Dabei erzähle ich zwischen den Songs Schmankerln aus meinem Leben. An ein mögliches Ablaufdatum will ich jetzt noch gar nicht denken.

Ihr Vater war NSDAP-Ortsgruppenleiter in Güssing. Wann wurden Sie das erste Mal mit dieser Tatsache konfrontiert?

BUKOWSKI: In meiner Schulzeit habe ich in Ilz, wo ich aufgewachsen bin, eines Tages Wahlplakate von einer Partei affichiert gesehen, von der man gewusst hat, dass in ihren Reihen ehemalige Nationalsozialisten sind. Darauf stand auch der Name meines Vaters. Als ich ihn zu Hause darauf entsetzt angesprochen habe, behauptete er, das sei ohne sein Einverständnis erfolgt. Von da an habe ich nicht locker gelassen und mehr über seine Kriegsvergangenheit wissen wollen.

Wie hat Ihr Vater darauf reagiert?

BUKOWSKI: Er wollte nie darüber reden und ließ sich so gut wie nichts entlocken. Die Einzelheiten erfuhr ich von meiner Mutter. Man muss ihm aber hoch anrechnen, dass er viel Courage bewiesen hat, als er sich dem Befehl, die Deportation der drei damals in Güssing lebenden Judenfamilien, die mein Vater persönlich gekannt hat, in die Wege zu leiten, widersetzt hat. Wahrscheinlich als Strafe für diese Befehlsverweigerung wurde er im Rang eines Hauptmannes an die Front nach Frankreich geschickt. Nach Kriegsende war er zwei Jahre in englischer Gefangenschaft.

Ihre Kindheit verbrachten Sie in Ilz. Denken Sie gerne zurück?

BUKOWSKI: Es war eine total schöne Zeit, auch wenn wir sehr bescheiden aufgewachsen sind. Die ersten Jahre wohnten wir in einem alten Bauernhof in Neudorf bei Ilz. Obwohl mein Vater Rechtsanwalt war, hat er nie viel verdient. Später haben wir dann eine kleine Haushälfte in Ilz gemietet gehabt. Ich selbst habe mir gleich den oststeirischen Dialekt angeeignet gehabt. Dadurch gab es keine sprachliche Barriere zu meinen Freunden. Zu Hause haben wir dagegen Hochdeutsch gesprochen.

Sie leben heute an der Peripherie von Wien, in Stammersdorf. Verschlägt es Sie noch gelegentlich in die Oststeiermark?

BUKOWSKI: Allein schon meiner Mutter wegen, die inzwischen 99 Jahre alt ist und seit zweieinhalb Jahren im Altenheim in Fürstenfeld wohnt, komme ich regelmäßig in die Gegend. Ich gehe sie jedes zweite Wochenende besuchen. Wir reden nie länger als eine halbe Stunde miteinander, weil sie es lieber kurz und bündig mag. Dafür nehme ich zwei Stunden Fahrtzeit hin und die gleiche Zeit zurück gerne in Kauf. Meiner Mutter habe ich viel zu verdanken. Sie ist stets voll und ganz hinter mir gestanden.

Durch welche Bands sind Sie musikalisch sozialisiert worden?

BUKOWSKI: Zu Beginn meiner Jugend gab es im Radio noch keine Pop-Musik. Da hörte ich Jazz. Die Jazz-Sessions von Harry James und Louis Armstrong klingen mir heute noch im Ohr. Später dann waren The Kinks, Beatles und Rolling Stones für uns die musikalischen Eckpfeiler. Ich selbst habe in Fürstenfeld bei Franz Nedorost Schlagzeug gelernt.

Wann nahm ihre Musikerkarriere erste Konturen an?

BUKOWSKI: Ich war noch keine 15, als ich als Schlagzeuger bei der Hill Wagner Tanzband mitspielte. Später gründete ich dann die Gruppe Dirtles und danach die Music Machine, bevor ich Anfang der 1970er-Jahre zur Rockband Magic 69 gegangen bin. Dort mutierte ich dann zum Leadsänger.

Das Aufbegehren gegen das Establishment und gegen verkrustete gesellschaftliche Normen ist ein Charakteristikum des Rock'n'Roll. Wie drückte sich Ihre Protesthaltung aus?

BUKOWSKI: Ich glaube, dass wir die erste Generation waren, die sich aus der Obrigkeitshörigkeit befreit hat. Unsere Väter dagegen waren vielfach noch von jener falschen Autoritätsgläubigkeit und unterwürfigem Gehorsam geprägt, wie das Michael Haneke in seinem Film ,Das weiße Band' zum Ausdruck bringt. Der Rock'n'Roll war Ausdruck unserer Protesthaltung gegen die Konventionen jener Zeit.

"Du bist wie Kokain" war Ihre bestverkaufte Single. Hand aufs Herz: Haben Sie diese Droge selbst auch einmal probiert?

BUKOWSKI: Da es sich dabei um ein Liebeslied handelt, ist mir beim Schreiben vorgeschwebt, dass Kokain der ultimative Kick sei. Erst später einmal habe ich diese Droge probiert. Es hat sich aber herausgestellt, dass Kokain bei Weitem nicht das erfüllt, was ich mir versprochen hatte. Ich kann jedem nur davon abraten!

Was würden Sie, falls Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten, in Ihrer Karriere als Musiker anders machen?

BUKOWSKI: Ich hätte nicht in Österreich bleiben sollen, weil hier die Rahmenbedingungen für eine Karriere in der Popmusik nicht passen. Die Hauptschuld daran trägt Ö3. Wie soll ein junger heimischer Musiker bekannt werden, wenn Ö3 so gut wie keine österreichischen Interpreten aus Angst, nicht provinziell sein zu wollen, spielt? Gerade dadurch ist man es für mich. Auch haben die Politiker nicht begriffen, dass die Popbranche ein riesiger Wirtschaftszweig mit Riesenumsätzen ist. Hier liegt vieles im Argen.

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