Es ist ein Kommen und Gehen im „Auftankort“ in Hirnsdorf. Automobiler Knotenpunkt zwischen Stubenbergsee, Tierwelt Herberstein, Hartberg und A2 Südautobahn. Im Café wird von jenen, die lange in die Pension eingebogen sind, eifrig in der Gerüchteküche gekocht.
Im Verkaufsraum wandert neben der Rechnung für die Tankfüllung auch noch ein Lottoschein mit den hoffentlich sechs Richtigen über die Budel – „Viel Glück!“ Im Reifenhandel wird unterdessen nach den passenden Patschen für den Pkw gesucht. Auf dem Tresen: eine Vase Tulpen. Es sind die Details, an denen man erkennt, dass hier Frauen am Steuer sind.
Genauer gesagt: Anna Katharina Huber, die vor drei Jahren voll ins Geschäft eingestiegen ist. Unterstützt wird die 22-Jährige von ihrer Oma Maria und ihrer Schwester Stefanie, die an der FH in Graz Controlling und Rechnungswesen studiert. „Es hat sich verändert. Heute ist es eher ein Frauenjob, als früher“, erklärt Anna Katharina Huber. „Weil man nicht mehr rausgehen muss“, setzt ihre Oma nach. Die These wird von den Zahlen bestätigt: Von den zehn Angestellten im Auftankort Huber sind drei Männer. Die beiden Kater Fipsi und Filou – hier schnurren nicht nur die Motoren – nicht mitgezählt.
Wo ist der Chef?
Ob man es als Frau schwer hat, als Tankstellen-Chefin ernst genommen zu werden? „Nein“, sagt Anna Huber und lacht. „Ab und zu fragen Kunden beim Reifenkauf zwar, ob der Chef da ist“, erklärt sie. Und Kollegin Sabrina Hadolt – seit 2008 an Bord – setzt etwas später fort. „Ich sag‘ dann immer: Bei uns gibt es keinen Chef, nur Chefinnen.“
Eine von ihnen ist Maria Huber. 85 Jahre alt und der Inbegriff von adrett. Seit den 1960er-Jahren ist die Tankstelle Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben. „Als wir begonnen haben, hatte ich noch nicht einmal einen Führerschein“, schüttelt sie den Kopf.
„Durfte mich nicht blamieren“
„Da ist man noch mit Kassiertasche rausgegangen, hat getankt und die Scheibe geputzt, Luft und Öl nachgeschaut.“ Die Männer seien bei der Tankwartin aber schon skeptisch gewesen. „Ich wollte alles lernen, weil ich wusste, dass ich mich nicht blamieren darf.“ Und wie sieht es heute aus? Zum Beispiel mit dem Vorurteil, dass es vor allem Frauen sind, die den falschen Treibstoff tanken? „Nein, es sind meistens Männer“, sagt Maria Huber und lacht verschmitzt.
Die 85-Jährige hat den Wandel an der Zapfsäule erlebt. Der Selbstbedienungs-Trend, der zwischen 1983 und 1985 Einzug hielt. Oder der Einschnitt, den der Bau der A2 Südautobahn für die Tankstelle bedeutete. „Plötzlich sind viele durchgefahren, ohne zu halten.“ Doch nach und nach kamen sie wieder – die Autos. Sie wurden aber größer, schneller, komplizierter. „Früher hatten sie 60 PS, heute hat mein Spuckerl schon 105“, sinniert Huber.
Fotos: Die Tankstelle im Wandel der Zeit
Die Zapfsäule als gesellschaftlicher Seismograf
Bei all dem Wandel unverändert: die Zapfsäule als gesellschaftlicher Seismograf. „Man spürt, wenn die Zeiten unsicher sind“, sagt Maria Huber. Früher seien Ausflüge selten und besonders gewesen. Heute sind es Pendler, Nachbarn oder auch Durchreisende, die auf dem Weg zum Stubenbergsee schnell tanken, ein Eis kaufen oder Toastbrot. Flott soll es gehen – bedient will man trotzdem werden.
„Eine Tankstelle muss heute alles sein. Café, Bäckerei und Supermarkt“, erklärt Anna Katharina Huber, die an der „bemannten“ – oder in diesem Fall „befrauten Tankstelle“ – festhalten will. „Wir sind ein sozialer Treffpunkt – auch, weil es immer weniger Lokale gibt.“ Es ist ein eigener Mikrokosmos direkt an der B54. Oder wie heißt es über der Waschanlage: „Da sind viele gute Menschen unterwegs“.