Am 20. Juli 1982, um 10.55 Uhr, erblickt Ulrike Posch im LKH Hartberg das Licht der Welt. Kulleraugen, Stupsnase – und ein Lachen, das sie sich nie nehmen lassen wird. „Auf den ersten Blick war ich gesund“, sagt sie 43 Jahre später in einem Grazer Café, während Dackel Vasya Brösel jagt. Fund, Zugriff, Nomnom.

Zurück zum Sommer 1982: Die Freude wird rasch getrübt. Bei dem Mädchen wird ein seltener Herzfehler diagnostiziert – ein „Truncus arteriosus communis“. Nach Angaben der Charité Berlin sterben 85 Prozent der Kinder, die nicht behandelt werden, im ersten Lebensjahr.

„Bei mir kam ein ,Ventrikelseptumdefekt‘ dazu. Hätte ich den nicht gehabt, hätte ich nicht überlebt“, sagt Posch und schmunzelt, ob der Ironie, dass Minus und Minus auch in diesem Fall Plus ergab. „Schnell stand fest, dass ich eine Operation am offenen Herzen brauche.“

Ulrike wird zwar in der Kinderkardiologie des LKH-Uniklinikums Graz bestens betreut, der Eingriff wird jedoch in der Partnerklinik – dem „Hospital for Sick Children“ in London – durchgeführt. Die OP kostet 300.000 Schilling.

Ulrike Posch: „Ich glaube, dieses Kleid hat meine Mama in London für mich gekauft“
Ulrike Posch: „Ich glaube, dieses Kleid hat meine Mama in London für mich gekauft“ © Privat

Die Kleine Zeitung wird auf den Fall aufmerksam. „Dem reizenden Baby merkt man nicht an, dass es ständig in Lebensgefahr schwebt“ , berichtet Redakteurin Helena Wallner im Dezember 1982. Am Ende helfen viele mit – Sozialdienste, Gebietskrankenkasse, Merkur Versicherung und die Leser der Kleinen Zeitung – sodass Ulrike Posch am 17. März 1983 in London operiert wird.

Hier trifft sie das erste Mal auf den Kinderkardiologen Jaroslav Stark, jenen Mann, der am OP-Tisch über dem aufgespreizten Brustkorb des acht Monate alten Babys beschließt, eine neuartige Methode anzuwenden. „Die Überlebenschancen standen 50/50“, sagt Posch. Die beiden sollen sich aber noch einmal begegnen – 40 Jahre später.

„Club der Reißverschlüsse“

Denn die kleine Kämpfernatur erholt sich schnell. „Herzkrankes Baby wieder wohlauf!“, freut man sich im Mai 1983 auf der KLZ-Titelseite. „Nur die Narbe auf dem Brustkorb erinnert an die bangen Tage in London“ , erklärt man im Bericht dazu. Mit dieser ist Posch aufgenommen in den „Club der Reißverschlüsse“, wie ihr die Ärzte später erklären werden.

Von Anfang an sagt man den Eltern, dass sich ihre Tochter bis zum siebenten Lebensjahr noch einmal einem Eingriff unterziehen muss. Es soll jedoch wesentlich länger dauern. Dazwischen liegt eine glückliche Kindheit mit Eltern, die sie „nie in Watte gepackt haben“. Ihre Freizeit verbringt das Mädchen in der Natur, mit ihren Geschwistern und den geliebten Hunden.

Ulrike Posch hatte immer schon ein Herz für Tiere. „Meine Eltern waren in der Hundeschule Hartberg aktiv“
Ulrike Posch hatte immer schon ein Herz für Tiere. „Meine Eltern waren in der Hundeschule Hartberg aktiv“ © Privat

Am 13. Dezember 2001 wird Ulrike Posch schließlich mit 19 Jahren ein zweites Mal operiert. „Obwohl der Eingriff nicht so gefährlich war, war er für mich schlimmer, weil ich alles mitbekommen habe. Ich war 19 Jahre alt und wollte ins Leben starten“, so Posch. „Man kommt in den OP, wird an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und dein Herz wird ruhend gestellt. Ich hatte Angst, nicht aus eigener Kraft zurückkehren zu können“, erinnert sie sich. Weihnachten 2001 feiert die Kämpfernatur jedoch schon wieder im Kreise ihrer Familie in Hartberg.

Ulrike Posch mit dem Teddy der „Herzkinder Österreich“: „Wir teilen ein Schicksal“
Ulrike Posch mit dem Teddy der „Herzkinder Österreich“: „Wir teilen ein Schicksal“ © Privat

Eine Art zweites Zuhause findet Ulrike Posch 2017 schließlich auch bei den Herzkindern Österreich. „Es ist so wichtig, dass es diesen Verein gibt. Alle haben ähnliche Geschichten – wir teilen ein Schicksal“, erklärt sie mit strahlenden Augen.

Wiedersehen nach 40 Jahren

Diese hat sie auch auf einem ganz besonderen Foto. Am 21. Dezember 2022 – 40 Jahre nach der lebensrettenden OP – besuchte sie Kinderkardiologen Jaroslav Stark in London. „Er konnte sich an mich erinnern. Man kann nicht beschreiben, wie sich das angefühlt hat.“

Kinderkardiologe Jaroslav Stark mit Ulrike Posch, die er mit nur acht Monaten am Herzen operiert hat: „Man kann nicht beschreiben, wie sich das angefühlt hat“
Kinderkardiologe Jaroslav Stark mit Ulrike Posch, die er mit nur acht Monaten am Herzen operiert hat: „Man kann nicht beschreiben, wie sich das angefühlt hat“ © Privat