Herr Pesendorfer, der Ärztemangel wird immer mehr zum Problem, insbesondere Kassenstellen am Land können oft nur schwer besetzt werden. Entgegen diesem Trend haben Sie im Sommer 2021 eine Landarztpraxis im äußerst abgelegenen Hohentauern auf fast 1300 Metern Seehöhe übernommen. Warum?
LUKAS PESENDORFER: Ein Allgemeinmediziner in einer so ländlich geprägten Gemeinde zu sein, bedeutet, das volle Spektrum des Menschseins ärztlich begleiten zu können. Das ist für mich unheimlich reizvoll. Ich behandle Leute in ihren unterschiedlichsten Lebensphasen, erlebe Hochs und Tiefs mit und bekomme dabei sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Wenn du es als Landarzt richtig anlegst, hast du gewissermaßen 1000 Freunde, mit denen du durch dick und dünn gehst.

Kann diese Nähe nicht auch problematisch sein? Ärzte müssen ja oft traurige Nachrichten überbringen und können nicht immer Gesundheit und Leben retten.
Das kommt sehr stark auf die Perspektive an. Was wir in unserer modernen Welt teilweise verdrängen, ist, dass auch das Leid zum Leben dazugehört. Wenn man sich dessen bewusst wird, kann man gut damit umgehen.

Hat es für Sie ganz bestimmte Momente gegeben, in denen Sie sich gedacht haben: Ja, es war absolut richtig, Arzt in Hohentauern zu werden?
Es gibt glücklicherweise jeden Tag solche Momente. Ich habe vor Kurzem einen Patienten gehabt, der sich vor Rückenschmerzen kaum noch rühren konnte. Er war aber auf keinen Fall dazu bereit, ins Krankenhaus zu gehen. Ich habe ihm dann dank meiner Ausbildung als Orthopäde vor Ort helfen können, jetzt geht es ihm wesentlich besser. So etwas gibt einem schon das Gefühl, etwas Sinnvolles, ja etwas Menschliches zu tun. Außerdem fasziniert mich der Zusammenhalt, den ich in der Gemeinde erleben darf.

Aber Hand aufs Herz: Sehnen Sie sich nie nach den Vorzügen des Stadtlebens?
(lacht) Ja klar gibt es solche Momente auch. Zum Beispiel haben wir hier heroben große Probleme im Winter. Es kommt immer wieder vor, dass ich in der Ordination oder sogar bei Patienten übernachten muss, weil die Straßen nicht mehr befahrbar sind. Anders gesehen ist es aber auch schön, dass es für die Leute selbstverständlich ist, ein Abendessen und ein Bett anzubieten.

Landärzte waren lange dafür bekannt, ständig erreichbar zu sein. Viele junge Mediziner wollen sich ihrer Arbeit nicht mehr derart hingeben. Wie gehen Sie mit diesem heiklen Thema um?
Aus meiner Sicht ist das heute kaum mehr machbar, und zwar, weil sich die Ansprüche der Patienten verändert haben. Zugespitzt formuliert, hat man früher den Doktor nur gerufen, wenn man schon fast im Sterben gelegen ist – heute, wenn man sich beim Volleyballspielen den Finger verstaucht hat. Immer für alle verfügbar zu sein, geht daher für mich nicht mehr. Wenn aber zum Beispiel einer meinen Patienten schwer erkrankt ist, dann bin ich für die Betroffenen auch in der Nacht erreichbar.

Sie haben im Rahmen der Praxisübernahme gemeint, Hausärzte seien vom Aussterben bedroht. In diesem Sinne: Was braucht es für den "Artenschutz"?
(lacht) Das ist natürlich ein komplexes Thema. Ein Punkt: Ich sehe das Vergütungssystem, das sich im Wesentlichen an der Zahl der "abgearbeiteten" Patienten orientiert, kritisch. Rein wirtschaftlich gesehen, dürfte ich mir für die meisten Patienten nur ein paar Minuten Zeit nehmen. Am einfachsten ginge das, indem man zum Beispiel schnell ein Medikament verschreibt. Das ist aber oft weder für den Patienten noch für das Gesundheitssystem sinnvoll – und für den Arzt frustrierend. Es wäre dringend notwendig, das veraltete System zu modernisieren und das Zeitnehmen für Patienten auch wirtschaftlich fair zu honorieren.