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Hier pulsierte Judenburg Handel adieu: In der Kaserngasse gehen die Lichter aus

Sepp Hawelka hat sein Uhren- und Schmuckgeschäft geschlossen. Mit ihm verlässt der letzte Handelstreibende den einst pulsierenden Zipfel. Stadtmarketing-Chef Heinz Mitteregger: "Natürliche Entwicklung".

Zum Kuckuck, die Zeit für Uhrmachermeister Sepp Hawelka in Judenburg ist abgelaufen, für Heinz Mitteregger ist sie für die Kaserngasse als Handelsstandort abgelaufen © Bettina Oberrainer
 

Sepp Hawelka repariert keine Uhr, er legt keinen Brillantring in die Vitrine. Er staubt Beleuchtungskörper ab. Brillant ist in dem Geschäft nichts mehr. Die Lampen baumeln nicht mehr vom Plafond, Hawelka verfrachtet sie in einen Lieferwagen vor der Tür. Drinnen könnten Kunden nicht zwischen Wecker und Perlenohrring gustieren, sie stolpern über Kaffeemaschine, Werkzeug, Plastiksäcke. Kaserngasse 10. Eine legendäre Adresse, eines von 40 Geschäften, die einst diesen östlichen Wurmfortsatz von Judenburg bis weit in die 1980er Jahre zu einer pulsierenden Ader machten.

Halsschlagader

Bei unserem Überraschungsbesuch pulsiert höchstens Hawelkas Halsschlagader. Mit dem Uhrmachermeister und Juwelier, längst im pensionstauglichen Alter, verlässt der letzte Matrose, der letzte Handelstreibende, das Schiff. Das sinkende? Der gebürtige Eisenerzer verlässt es verstimmt. Am 24. Dezember öffnet er zum letzten Mal, verkauft einen Ring. „Einen Schaufensterbummel macht in der Kaserngasse niemand mehr.“ Kein Wunder, die Gemeinde möchte offenbar lieber eine „beruhigte Wohngegend“. Der Goldschmied findet zwar gerade keinen passenden Schraubenschlüssel, er findet starke Worte: „Eisenerz ist die gleiche sterbende Stadt. Dort haben sie immer gesagt, wir haben den Erzberg. Und Judenburg hat den Stadtturm?!“

Hochblüte

Stadtmarketing-Chef Heinz Mitteregger protestiert vehement. Der natürliche Stadtentwicklungsprozess sei nicht aufzuhalten, die Kaserngasse werde rückgebaut, vor ihrer Hochblüte dominierten hier auch Bürger- und Wohnhäuser. Ihre Zeit als Handelsstandort sei vorbei. Geschäftsleute würden einen Spitzenplatz brauchen – und den hatte Sepp Hawelka nicht mehr. Also ab mit seiner nächsten Schachtel in den Lieferwagen. Vielleicht sind Pokale drinnen, der Gemeinde verleiht er diese nicht für eine „kompetente Entwicklung“.

Der Handel zieht westwärts. Heinz Mitteregger: „Eine Zeit lang waren Kastner und Leiner unsere großen Magneten. Sie profitierten auch von einer neuen Mobilität der Bürger.“ Ein verändertes Konsumverhalten mische beim Stadtbild mit. Die „hohe Frequenz“ funktioniert laut dem Fotografen in der Burggasse, am Hauptplatz. Da hält sich eine Mannschaft tüchtiger Geschäftsleute, ein etablierter Zirkel: Boutiquen, Uhren und Schmuck, Trachten, Plattenladen, Naturkost, Bücher, Gastronomie. „Es gibt nicht viele in der Region mit einer tollen Geschäftsidee.“

 Sepp Hawelka staubt einen weiteren Beleuchtungskörper ab. Vielleicht montiert er ihn in Zeltweg, dorthin geht die Reise des Lieferwagens, dort wohnt er. Und eröffnet in der Hauptstraße ein neues Geschäft. „Ich konzentriere mich auf das Reparieren von Uhren, bestelle nach Bedarf.“
In der Kaserngasse 10 gehen die letzten Lichter aus.

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