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Mautern im Liesingtal

"Das Liesingtal ist mein Indien"

Seit 1. Jänner ist Clemens Grill Dechant von Leoben und folgte damit Maximilian Tödtling. Der Pfarrer des Pfarrverbandes Liesingtal im Gespräch – über Gott und die Welt. Von Johanna Birnbaum

Pater Clemens Grill, Pfarrer des Pfarrverbandes Liesingtal, ist seit 1. Jänner Dechant des Dekanats Leoben © Johanna Birnbaum
 

Pater Clemens, Sie sind seit 1. Jänner neuer Dechant im Bezirk Leoben. Wann haben Sie eigentlich gewusst, dass Sie Priester werden wollen? Ist das passiert oder war das ein langsames Wachsen?
CLEMENS GRILL: Das war ein langsames Wachsen, es ist aber auch passiert. Es gab auch andere Berufswünsche.

Welche?
GRILL: Ich wollte als Kind erst Straßenbahnfahrer werden. Dann war Architekt hoch im Kurs, bis ich ein Praktikum bei einem Architekten gemacht habe. Der hat gesagt, du bist nett, aber bitte studier was anderes. Dann habe ich nach der Matura eine klassische österreichische Verlegenheitslösung gemacht, nämlich Jus. Das war mir zu trocken, und ich habe wenig Biss gehabt.

Und dann?
GRILL: Mit 22 Jahren, wo andere schon fertig sind, habe ich auf Theologie umgesattelt. Erst als Laientheologe, dann zwei Jahre im Priesterseminar. 2002 bin ich nach Admont, 2003 bei den Benediktinern eingetreten.

Wann reifte der Entschluss, einem Orden beizutreten?
GRILL: Ich kannte schon Admonter Priester von früher. Einen habe ich zum richtigen Zeitpunkt getroffen, der hat gesagt, geh, komm’ doch einmal. Das war’s.

Wo haben Sie das Theologiestudium fertiggemacht? In Wien?
GRILL: Nein, in Heiligenkreuz, in der berühmten Hochschule, wo die singenden Mönche sind.

Was ist das Faszinierende daran, einem Orden anzugehören?
GRILL: Man ist in einer Gemeinschaft verwurzelt und aufgefangen. Ich kann in mein Stift fahren und bin zu Hause.

Und Ihre Familie?
GRILL: Die ist mir sehr wichtig. Ich habe zwei Schwester, eine lebt in Deutschland, eine zieht jetzt für ein Jahr nach Tel Aviv.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als sie erklärten, Priester werden zu wollen?
GRILL: Alle waren erst erschüttert. Als mich meine Mutter zum ersten Mal im geistlichen Gewand sah, war sie betroffen. Mein Vater hat auch lange gebraucht. Er hat eine sehr wechselhafte religiöse Geschichte. Erst hat er gemeint katholische Theologie heißt nix. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ich Religionswissenschaften studiert hätte.

Was wäre da anders gewesen?
GRILL: Das würde mich offener machen, hat er gemeint. Jetzt geht er wieder in die Messe. Darauf bin ich auch nicht unstolz.

Wie haben Sie es geschafft, ihn wieder in Kirche zu bringen?
GRILL: Nicht durch Worte. Ich glaube, er hat es gesehen und es hat gepasst.

Sie waren nach der Priesterweihe auch im Pfarrverband Leoben-West tätig. Dabei haben Sie immer betont, dass es Ihnen großen Spaß gemacht hat, die Pfarre quasi zu leiten, als Dechant Maximilian Tödtling seine Rom-Wallfahrt machte. Was war das Besondere daran?
GRILL: Die Vielfalt der Pfarren. Es ist Donawitz ganz anders als Göss und Waasen ganz anders als Hinterberg.

Sind Sie auch privat seelsorgerisch tätig?
GRILL: Ja, ich bin Verbindungsseelsorger bei der Kristall, weil ich seit meinem Studium bei einer CV-Verbindung bin.

Sie waren auch in Deutschlandsberg als Provisor tätig und waren gerne dort. Sie haben erzählt, dass Sie sich vorstellen konnten, jahrzehntelang dort als Priester tätig zu sein? Warum gingen Sie dann weg?
GRILL: 2011 bin ich nach Deutschlandsberg gekommen. Ich habe dort eine schwierige Situation erlebt. Der Pfarrer war dort wegen Missbrauchs abgezogen worden und hat die Pfarre massiv gespalten. Aber dann hat Admont mich für das Liesingtal gebraucht, weil mein Vorgänger in Pension gegangen ist. Generalvikar Heinrich Schnuderl hat gefragt, ob ich das übernehmen könnte.

Sie haben sich in Deutschlandsberg ja unglaublich wohlgefühlt. Fiel es Ihnen schwer, zu wechseln?
GRILL: Ja, es ist schwergefallen. Ich musste mich aber entscheiden. Von Admont wurde mir das signalisiert, entweder willst du zum Stift Admont gehören oder einen anderen Weg gehen.

Was hat die Entscheidung dann ausgemacht?
GRILL: Ganz klar die Erstberufung. Ich bin nicht nur Priester, ich bin auch Ordensmann. Ich möchte die Zeit in Deutschlandsberg nicht missen, ich war sehr glücklich dort.

Sie sind jetzt Dechant von Leoben. War das überraschend?
GRILL: Ja schon. Aber ich habe mich entschlossen, es zu tun, weil ich ein sehr starkes Team hier habe, und ich liege mit meiner Pfarre an der Autobahn. Ich bin schnell überall. Ich möchte aber gerade in diesem Zusammenhang betonen, wie froh ich bin, dass die Menschen Kirchenbeitrag zahlen, denn nur so ist das Netzwerk der Nächstenliebe aufrecht zu erhalten. Auch unsere Pfarrsekretärinnen leisten unheimlich viel. Auch sie werden von Kirchenbeiträgen bezahlt.

Was ist die Hauptaufgabe als Dechant?
GRILL: Da ist zum einen das Visitieren, sprich die Pfarrer besuchen und auch in die Bücher schauen. Das hat sich sehr geändert. Heute wissen die Mitarbeiter in Graz einen Fehler schon bevor man ihn macht. Ich sehe die Aufgabe im Präsentsein, im Hinhören, wo der Schuh drückt. Wir haben kürzlich den neuen Generalvikar zu Gast gehabt, der uns das Programm des Bischofs präsentiert hat.

War das positiv?
GRILL: Ja, denn die Pfarren und die Regionen zu stärken, ist eine Aufgabe. Dafür bin ich sehr dankbar. Wenn man auf unsere Region schaut, geht es auch darum, den Rand zu stärken, wobei ich mir bewusst bin, dass in Leoben mehr Leben sein wird, als es in Wald oder Hieflau ist.

Wie wollen Sie Kontakt halten und pflegen?
GRILL: Wesentlich ist, die Priester zu besuchen. Die Priesterschaft im Bezirk muss gestärkt werden. Das funktioniert in Leoben schon sehr gut, trotz der ganz unterschiedlichen Charaktere. Es gibt zum Beispiel jeden Freitag ein Pfarrerfrühstück.

Was ist der Vorteil von regelmäßigen Treffen?
GRILL: Trotz der vielen, modernen Kommunikationsmittel ist das persönliche Gespräch wichtig.
Was ist das Schwierige, Menschen wieder zur Kirche zu bringen. Wenden sich vielleicht doch nicht so viele ab?

Trügt der Schein?
GRILL: Das Bedürfnis des Menschen nach Religion ist einfach da. Ob man es nun höheres Wesen oder Gott nennt. Den wirklichen materialistschen Atheisten kenne ich kaum. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass es Dechant Karl Gölles und Dechant Hans Feischl gegeben hat. Beide waren bahnbrechend, als es um die Verbesserung des Verhältnisses Kirche und Arbeiterschaft hier ging.

Wie wollen Sie es schaffen, junge Leute wieder mehr für die Kirche zu interessieren?
GRILL: Wir wollen zu Dämmerschoppen laden. Da kommt man ins Reden, denn man muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Es reicht nicht aus, salbungsvoll zu reden.

Würden Sie eigentlich woanders hingehen?
GRILL: Ich kann mir auch vorstellen, Priester in Afrika, Asien oder Wien zu sein. Eines meiner Vorbilder ist Philipp Neri, der im 16. Jahrhundert gelebt hat und Apostel von Rom genannt wird. Er wollte nach Indien und bat den Papst, ihn dorthin zu schicken. Der Papst antwortete: dein Indien ist Rom. Übertragen sage ich jetzt einfach einmal: Mein Indien ist derzeit das Liesingtal, wobei ich glaube, dass es nicht meine letzte Station sein wird.

 

Zur Person

Pater Clemens Grill (39) wuchs in Graz und Wien auf.
Studium: Erst Jus, dann Theologie, Abschluss in Heiligenkreuz.
Eintritt ins Benediktinerstift Admont 2003, Priesterweihe 2008.
Seit 2013 Pfarrer des Pfarrverbandes Liesingtal (Wald am Schoberpass, Kalwang, Mautern, Kammern und Traboch)
Dechant seit 1. Jänner 2016

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