Eine rostige Gabel, ein kleines Glasfläschchen mit verblasstem Etikett – was auf dem Arbeitstisch von Susanne Lamm und Anna Bauer-Zelinka liegt, würden viele wahrscheinlich achtlos wegwerfen. Die beiden Stadtarchäologinnen nehmen die Gegenstände jedoch genau unter die Lupe. Sie werden gereinigt, vermessen, mit dem 3-D-Scanner erfasst und inventarisiert. „Wir bringen gefundene Objekte zum Sprechen“, erklärt Lamm, wie sie ihre Arbeit versteht. Manche Geschichten, die auf diese Weise zu Tage gefördert werden, machen Erkenntnisse über die jüngere Geschichte der Stadt und persönliche Schicksale möglich - wie jener Kamm, der aktuell in der Ausstellung „Lager Liebenau. Ausgraben und Erinnern“ im Graz Museum zu sehen ist. Er konnte namentlich einer Zwangsarbeiterin zugeordnet werden, die dort in der NS-Zeit untergebracht war.
1500 Kisten
65.000 Objekte vom Knopf bis zu den verrosteten Resten eines Motorrads der Wehrmacht lagern im Depot der Stadtarchäologie im Grazer Süden. In den 1500 Kisten, die dort in Regalreihen ruhen, werden keine antiken Fundstücke aufbewahrt. Im Fokus der Grazer Stadtarchäologie stehen die jüngere Stadtgeschichte und zwei Areale, auf denen in den letzten Jahren umfangreiche Bauarbeiten stattfanden: Das Gelände des ehemaligen Lagers Liebenau und das einstige Brauereigelände Reininghaus, wo in den letzten Jahren ja ein neuer Stadtteil entstanden ist. Wie umgehen mit den umfangreichen Funden, die dort bei Grabungen gemacht wurden? „2021 hat der Gemeinderat die Gründung der Stadtarchäologie beschlossen. Und nachdem wir die Aufgabe haben, die Geschichte der Stadt zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln, lag es nahe, die Stadtarchäologie bei uns anzusiedeln“, erklärt die Direktorin des Graz Museum Sibylle Dienesch.
Lager Liebenau und Reininghaus
Was in Reininghaus zu Tage gefördert wurde, war enorm. In der NS-Zeit wurde am Gelände zwar auch Bier gebraut, ein Großteil der Anlage wurde aber für militärische Zwecke genutzt. Was für die Forschung oder als potenzielles Ausstellungsstück von Bedeutung sein kann, lagert heute im Depot. „In Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt wurden nach der Erfassung der Funde 5,3 Tonnen Altmetall entsorgt“, erzählt Lamm, während sie eine Kiste aus dem Regal zieht. Ein Helm ist darin zu sehen. „Das ist eigentlich ein französischer Militärhelm. Er war Beutegut und wurde vor Ort von Flakhelfern verwendet“, erzählt Lamm. Das ehemalige Lagergelände in Liebenau ist als Bodenfundstätte ausgewiesen und damit besonders geschützt. Alles, was dort gefunden wurde, wird aufbewahrt. Handelt es sich um organisches Material, wie etwa Reste von Lederschuhen, kann das durchaus eine konservatorische Herausforderung sein.
Einblicke aus erster Hand am 22. April
Lamm und Bauer-Zelinka brennen seit Kindertagen für die Archäologie. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Ausgrabungen auf städtischen Liegenschaften von externen Firmen übernommen werden. Das Duo arbeitet die Funde auf, ist aber auch Kontaktadresse für Grazer, die auf privaten Flächen Funde machen. Archäologische Einblicke in das Zwangsarbeiterlager Liebenau gewährt Lamm am kommenden Mittwoch (22. April) um 18 Uhr bei einem Vortrag im Graz Museum. Eine Stunde davor kann man sich einer Führung durch die Ausstellung anschließen.