Es ist 1972. Hans Krautzer stirbt früh und seine Frau Wilma steht allein mit sechs Kindern da. Als die älteste Tochter dann noch ihr Medizinstudium in Graz beginnt, braucht Wilma einen Führerschein und ein Auto. Ein VW-Käfer rollt auf den Hof, genauer gesagt ein 1302S.
Wer damals von Klagenfurt nach Graz will, der muss sich entscheiden: Soboth oder Pack? Autobahn gibt es nicht. Die Soboth mit ihren steilen Kurven und Abgründen verlangt Fahrkunst. Die Pack ist flacher, aber verstopft. Laster kriechen den Berg hinauf, Pkw zuckeln hinterher. Wilma wählt meist die Soboth. Sie will vorankommen.
Zwei Stunden dauert die Fahrt und der Käfer ist durstig. Klagenfurt-Graz-Klagenfurt schafft der VW nicht mit einem Tank. Kofferraum? Fehlanzeige. Vorne unter der Haube lagert das Reserverad, hinten heult der Heckmotor. Gepäck landet auf den Schößen der Beifahrer oder in der Nische hinter der Rückbank. Gurte fehlen. Sicherheitsbedenken auch. Die Bahn braucht für die Strecke über Judenburg fast drei Stunden. Keine Option.
1984 studiert der jüngste Sohn in Graz. Der Käfer ist Geschichte, ein VW-Golf steht bereit. Die Soboth verliert ihren Reiz. Auf der Pack glänzt dafür neuer Asphalt. Eine Halbautobahn entsteht. Bei Regen rutschen Autos auf die Gegenfahrbahn. Es bleibt gefährlich. Der Griffner-Berg bremst den Verkehrsfluss.
Jahre vergehen. Irgendwann ersetzt ein Peugeot den alten Golf. Die Südautobahn schließt ihre Lücken. Will Wilma jetzt die Enkerl in Graz besuchen, braucht sie noch 90 Minuten. Irgendwann wird das Lenkrad zu schwer. Wilma steigt um. Der Bus braucht zwei Stunden. Bequem, aber lang.
Heute zählt Wilma Krautzer 99 Jahre. Sie fährt nicht mehr selbst, sondern sitzt im Zug. Ab Sonntag verbindet die Koralmbahn Klagenfurt und Graz. Fahrzeit: 41 Minuten. Wilma besucht ihren Urenkel. In einer Zeit, von der sie im Käfer auf der Soboth nicht einmal zu träumen wagte.