Noch ist zum Glück nicht allzu viel zu spüren, aber schon bald beginnt sie wieder: die Blutsaugersaison. Und weil die üblichen heimischen Gelsen alleine offenbar nicht lästig genug sind, breitet sich vor allem in der Landeshauptstadt seit 2021 auch noch die besonders aggressive Tigermücke aus.
Johannes Gepp ist gerade in der Natur unterwegs, als die Kleine Zeitung ihn erreicht. Der Insektenforscher und Präsident des Naturschutzbundes merkt derzeit auch dort noch wenig in Sachen Stechvieh. Das liege daran, dass es noch keine länger anhaltenden Niederschläge gab, und sich damit noch wenig stehende Lacken und andere Kleinstgewässer gebildet haben.
Lacken als Gelsen-Brutstätten
Lacken sind dank fehlender natürlicher Feinde eine perfekte Kinderstube für Gelsen. Und genau hier beginnt die Prävention. Der Anfangsverdacht gilt oft fälschlicherweise dem Nachbartümpel: „Da gibt es so viele Klagen zwischen Nachbarn. Der Tümpel muss weg, wegen der Gelsen. Dabei geht es eher um die Regentonne. Da könnte ich den Nachbarn freundlich anrufen und sagen: Bitte abdecken.“ Auch Blumentopf-Untersetzer, Gießkannen und verstopfte Dachrinnen zählen zu den bevorzugten Brutstätten von Gelsen. Anders als in naturbelassenen Teichen treffen sie darin nicht auf natürliche Feinde.
Ein weiteres Problem: Dachrinnen. „Wenn die Dachrinne schräg steht, sodass das Wasser nicht schnell abrinnt, die Sonne scheint drauf und drei Blattl sind drinnen, ist das innerhalb von einer Woche die ideale Vermehrungsstätte.“
Dass solche Kleinstwasserstellen der wichtigste Hebel zur Gelsenbekämpfung sind, weiß auch die Stadt Graz. Genauer gesagt, Eva Winter, Leiterin des Grazer Gesundheitsamtes. Zur Eindämmung der Gelsen lässt sich ihr Amt einiges einfallen. Mit der frei verfügbaren App „Mosquito Alert“ können Tigermücken-Sichtungen gemeldet werden. Expertinnen und Experten überprüfen die Sichtungen, so werden besonders geplagte Regionen sichtbar. Alleine dieses Jahr haben engagierte Nutzerinnen und Nutzer schon 80 vermeintliche Sichtungen gemeldet. Sie werden von Expertinnen und Experten überprüft, in 31 Fällen handelte es sich tatsächlich um eine Tigermücke.
„Wenn wir sehen, das ist ein Hotspot, geben wir an die Holding den Auftrag, sie möge einen 200 Meter Radius um diesen Hotspot die Kanalgitter beackern.“ Heißt, die Gelseneier herunterputzen. „Zusätzlich machen wir Postwurfsendungen und gehen auch Klinkenputzen.“ Mühsam, aber es sei eben wie bei den Läusen im Kindergarten: „Es müssen immer alle mitmachen, sonst geht es nicht.“
Aber es muss gehen. Vor allem, seit sich in Graz die eigentlich in asiatischen Tropenregionen heimische Tigermücke ausbreitet. Die charakteristisch schwarz-weiß gestreiften Tiere sind besonders lästig, schildert Johannes Gepp. „Die heimischen Gelsen sind bisher noch viel vorsichtiger und menschenscheuer. Die Tigermücke setzt sich schnell auf die Haut, sticht sofort und saugt sofort.“
Feuer mit Feuer bekämpfen
Seit 2021 steigt die Tigermücken-Population in Graz immer weiter an. Neben den Maßnahmen gegen Kleinstgewässer hat sich das Gesundheitsamt deshalb etwas Besonderes überlegt. Und zwar gemeinsam mit der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO im niederösterreichischen Seibersdorf. Amtsleiterin Winter ist begeistert von dem Projekt: „Die züchten diese Biester, stecken sie in im Prinzip ein normales, mehr oder weniger normales Röntgengerät. Hinterher sind sie unfruchtbar, und weil es ausschließlich Männchen sind, stechen sie auch nicht.“ Diese Tiere werden dann ausgesetzt, damit die Weibchen sich mit ihnen paaren – und unbefruchtete Eier legen.
Heuer befindet sich das Projekt in der Testphase. Die Auswirkungen werden erst in der nächsten Mückensaison zu spüren sein. „Wir versprechen uns aber sehr wohl vom nächsten Jahr, dass wir eine massive Reduktion haben, dass wir uns damit um drei, vier, fünf Jahre zurückwuchten.“
Wie man sich vor Gelsen und Tigermücken schützt
Derweil sind aber Schutzmaßnahmen wichtiger denn je. Johannes Gepp ist kein besonderer Freund von Insektensprays und Gelsensteckern. Auf deren Unbedenklichkeit könne man sich nicht immer verlassen. Außerdem gebe es etwa 30 Gelsenarten in Österreich, ein Wundermittel, das gegen alle wirkt, gebe es bisher nicht. „Wenn ich irgendwo in einem Gelsengebiet Afrikas unterwegs bin, dann muss ich Insektenspray nehmen, weil da gibt es dann die Malaria und alle möglichen Krankheiten. Bei uns bitte lange Kleidung, und fertig.“
Und auch natürliche Feinde der Gelsen können helfen. In Gartenteichen finden sich meist ohnehin Molche, Frösche und andere Insektenfresser. Und, Arachnophobe sollten hier aufhören zu lesen: Auch die Duldung der einen oder anderen harmlosen langbeinigen Zitterspinne im heimischen Schlafzimmer empfiehlt Gepp.