Als Christina Obwexer erfahren hat, dass sie Österreich bei den Paralympischen Winterspielen vertreten wird, „bin ich gefühlt 1000 Kilo leichter geworden“, erzählt die Osttirolerin lachend. Mit 40 Jahren gibt die querschnittsgelähmte Monoskifahrerin ihr Paralympics-Debüt und tritt dabei in der sitzenden Klasse im Riesentorlauf (heute, 8.55/12.25 Uhr, ORF Sport+ live) und im Slalom an. Ein Großevent quasi direkt vor der Haustüre war für die Matreierin eine große Motivation. „Das ist ja nur ein Katzensprung von mir daheim, gefühlt kommt der ganze Ort“, freut sich Obwexer, die zwar schon seit vielen Jahren Ski fährt und auch als Skilehrerin für Monoskibob Kurse leitet, an Leistungssport aber bis vor circa drei Jahren nicht gedacht hatte. „Ich dachte immer: Nein, so gut bin ich nicht“, sagt die frischgebackene Staatsmeisterin im Slalom Monoski. „Aber man kann sich vorher gar nicht vorstellen, dass man wirklich so hart trainieren kann. Zur Zeit bin ich so fit wie nie – das macht ja süchtig“, sagt Obwexer, die ihren Job auf der Bezirkshauptmannschaft Lienz auf 25 Wochenstunden zurückgeschraubt hat, um auf der Piste durchzustarten. „Wenn ich etwas mache, dann richtig!“

Christina Obwexer bei der Farewell-Feier im Wiener Palais Berg
Christina Obwexer bei der Farewell-Feier im Wiener Palais Berg © GEPA

Am 28. Februar 2004 war Christina Obwexer wortwörtlich nur Passagierin, als das Auto, auf dessen Rückbank sie gesessen ist, auf der schneebedeckten Straße ins Schleudern geriet. Ein Stein im Straßengraben riss den Wagen regelrecht auseinander und schleuderte Obwexer und den hinteren Teil des Autos gegen einen Baum. Alle vier Insassen wurden bei dem Unfall schwer verletzt: Der Fahrer zog sich schwere Schädelverletzungen und ist heute körperlich behindert, die weiteren beiden Personen im Wagen erlitten innere Verletzungen. Auch für die damals 17-jährige Obwexer änderte sich ihr Leben schlagartig – sie ist seither querschnittsgelähmt. „Wir verstehen uns noch immer gut, wenn wir uns sehen, haben aber keinen engen Kontakt mehr“, sagt Obwexer über jene Menschen, die damals mit ihr in dem Unfall involviert waren. „Ich hege keinen Groll, ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Ihre positive Sichtweise sowie der Rückhalt ihrer Familie und ihres Freundeskreises waren wohl die Hauptgründe, weshalb Obwexer nie in ein Loch gefallen ist. „Mein Freundeskreis bettet mich nach wie vor ein, ist so etwas wie meine Schutzmauer. Ich war damals wie auch meine Freunde sehr blauäugig, das hat mir geholfen, da ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Alle haben gesagt, das machen wir schon irgendwie, das geht schon. Mein Vater hat sofort gesagt, ich kann wieder Skifahren und Radfahren und hat gleich alles zusammengekauft dafür. Auch das hat mir gezeigt: Es gibt nur einen Plan A. In der Situation gibt es keinen Plan B, der Plan B ist der falsche.“

Christina Obwexer: „Du hast dein Glück selbst in der Hand“

Obwexer sagt selbst, sie sei nun sportlicher und abenteuerlustiger als vor ihrem Unfall. „Als Behinderte stehen einem ganz viele Türen offen“, sagt sie. „Oder sie sind zumindest angelehnt – du musst sie nur selbst aufmachen. Dir werden so viele Möglichkeiten geboten. Mir steht die Welt teilweise offen und ich probiere es einfach.“ Eine Herangehensweise, die Obwexer jeder Person, die sich in einmal in einer ähnichen Situation wiederfindet, ans Herz legt. „Ich sage immer, du hast dein Glück selbst in der Hand – mach etwas draus! Als Querschnittsgelähmter hast du keine Möglichkeit, zu überlegen. Natürlich kannst du dich gehen lassen, aber dann wirst du in kurzer Zeit alleine dastehen. Auf lange Sicht hat keiner Bock, mit jemandem unterwegs zu sein, der immer nur jammert und Selbstmitleid hat. Das ist so, so ist das Leben. Nimm dein Leben selbst in die Hand und hab keine Angst vor dem Glücklichsein, dann wirst du auch Leute um dich haben, die glücklich sind.“

Hürden gebe es selbstverständlich dennoch immer wieder, „aber ich glaube nicht, dass mich meine Behinderung behindert, sondern eher oft die Mitmenschen oder die Infrastruktur. Ich bin mittlerweile zu 100 Prozent in meinem Leben angekommen“, sagt Obwexer, die sich wünscht, auf Augenhöhe begegnet zu werden. „Obwohl das jetzt beschissen klingt, weil mir auf Augenhöhe zu begegnen ist schwer“, sagt die Osttirolerin lachend. „Falsch ist nur, wenn man Angst vor uns hat oder uns wie Aliens sieht“, sagt Obwexer, die ihren Alltag und mehr mit dem Rollstuhl bewältigt, und meint: „Der Rollstuhl ist mein bester Freund. Ich finde es witzig, wenn manche sagen, ich sei an den Rollstuhl gefesselt. Nein, ohne Rollstuhl wäre ich richtig behindert, dann geht gar nichts mehr. Er hilft mir, alles zu tun, was ich will.“

Und das ist aktuell vor allem eines: Skifahren. Als Ziel in Italien hat sich Obwexer die Top Ten gesteckt, langfristig möchte sie einmal bei einer Großveranstaltung eine Medaille in den Händen halten. „Das ist der Traum eines jeden Sportlers und das möchte ich unbedingt noch erreichen, bevor ich den Hut drauf schmeiße“, sagt Obwexer, die beweist: „Es ist nie zu spät, seine Ziele und Träume zu leben.“ Eine Eintagsfliege soll die Teilnahme an den Paralympics dementsprechend keine sein: „Nein, wer einmal Blut leckt...“, sagt Obwexer lachend. „Ich bin 40, fühle mich topfit und solange ich mithalten kann, bin ich dabei.“