Einmal noch kurz durchatmen und dann wieder voll durchstarten. Ich bin mir nach den extrem spannenden wie unterhaltsamen Viertelfinal-Begegnungen sicher, dass wir alle auch in den nun anstehenden Halbfinal-Spielen voll auf unsere Kosten kommen werden.

Auch weitere Elfmeterschießen halte ich für wahrscheinlich. Auffällig war dabei in den Viertelfinalpartien für mich die Qualität der Schützen – insbesondere bei den Engländern und Franzosen. Mein Gefühl sagt mir, dass bei beiden Mannschaften Elfmeter im Vorfeld explizit trainiert wurden. Klar, es gehört in so einer Entscheidung dann auch immer eine Portion Glück dazu. Aber ich bin davon überzeugt, dass gutes Elfmeterschießen durchaus Übungssache ist.

Schade, dass wir diese Hochspannung im Spiel Deutschland gegen Spanien nicht auch noch erleben durften. Es war ansonsten ein Match, das an Dramatik fast nicht zu übertreffen war. Viele hatten sich ja ein vorgezogenes Finale vorgestellt – und alle haben es bekommen. Ich kann nachvollziehen, dass daher die meisten neutralen Zuschauerinnen und Zuschauer den Sieger dieses Spiels bereits als neuen Europameister sehen.

Aber ich warne davor, Spanien zu früh zu feiern: Mit England und Frankreich stehen meine beiden anfänglichen Turnierfavoriten jetzt tatsächlich im Halbfinale. Beide Teams, insbesondere die Engländer, konnten über weite Strecken nicht vollends überzeugen. Aber am Ende des Tages setzt sich Qualität durch – und nicht Glück. Sprich: Es war nicht nur Glück allein, das diese beiden Teams bis ins Semifinale brachte.

Haben Sie es mitbekommen? Trainer Gareth Southgate und die Schlüsselspieler der Engländer, wie Phil Foden oder Harry Kane, wurden während des Turniers von den eigenen Fans und natürlich der „Yellow Press“, den Medien in der Heimat teilweise immens kritisiert. Sie sind dennoch erfolgreich in die Runde der letzten Vier marschiert. Dabei erinnere ich außerdem daran, dass die Engländer sowohl im Achtelfinale gegen Slowakei, als auch im Viertelfinale gegen die Schweiz mit 0:1 zurücklagen – beide Male sind sie zurückgekommen. Sich gegen all diese Widerstände durchgesetzt zu haben, imponiert mir sehr. Viel mehr Druck kann nicht kommen. Nicht einmal in einem möglichen Finale kann es schlimmer werden.

Selbst wenn die Engländer also gewiss nicht den ansehnlichsten Fußball dieser Euro spielen: Sie bringen von den vier noch im Bewerb verbliebenen Mannschaften möglicherweise die größte Mentalität mit und ein – und für mich ist gerade die ein ganz entscheidender Titelbaustein.

Carina Wenninger (33) hat 127 Mal fürs ÖFB-Team der Frauen gespielt und wurde mit Bayern und AS Roma Meister.