Wenn es sich ums Eishockey dreht, zeigen sich die Kanadier humorlos. So tauchte auf Instagram kürzlich ein Video auf, wonach der Pilot eines kanadischen Flugzeugs seinen Abflugsslot verstreichen ließ. Damit die Passagiere die letzten Momente des fünften Finalspiels nicht versäumten. Die Aktion hat sich ausgezahlt. Edmonton Oilers mit Ex-VSV-Star Derek Ryan haben nicht nur diese Partie für sich entschieden (5:3). Sondern auch das anschließende sechste Duell, konnten damit in der Serie gegen Florida Panthers mit 3:3 gleichziehen (nach 0:3-Rückstand) und beleben damit den Mythos des siebenten Finalspiels neu.
Kanada, oder zumindest Edmonton spricht mittlerweile von einem Eishockey-Wunder. „Wir haben in diesem Jahr immer eine Siegesserie hingelegt, wenn es nötig war. Wir glauben an uns. Und dieser unerschütterliche Glaube wächst immer mehr“, sagte etwa Oilers-Stürmer Connor Brown, dem mit seinem Team ein historisches Comeback gelingen könnte. In der Finalserie ein 0:3 aufzuholen mit anschließendem Titelgewinn gelang in der NHL zuletzt den Toronto Maple Leafs im Jahr 1942.
Völlig konträr dazu die Stimmung bei Florida Panthers, die in der alles entscheidenden Partie Heimvorteil genießen. „Der Druck war in den letzten Partien groß. In den ersten drei Spielen lief alles für uns. Und in den letzten drei Spielen war es genau umgekehrt“, analysiert Jürgen Penker. Der Ex-Teamgoalie und Torhüter-Trainer der Black Wings Linz ist beim NHL-Team nicht nur für die Ausbildung der sieben bei den Panthers unter Vertrag stehenden Keeper verantwortlich. Sondern auch für Scouting-Tätigkeiten in Europa zuständig. „Wir haben durch Unterzahl-Tore der Oilers das Momentum zum falschen Zeitpunkt verloren. Vielleicht auch weil Dinge im Eishockey passieren, die nicht nur auf dem Eis stattfinden. Manches ist unkontrollierbar“, spricht er etwa eine knappe Abseits-Entscheidung oder einen Schwalbenpfiff gegen Tkachuk an.
Penker wurde für Feier eingeflogen
Für die Spiele vier und fünf wurde der 41-Jährige, der seit drei Jahren für den NHL-Klub arbeitet, extra eingeflogen. „Das war ein unglaubliches Spektakel. Zwar stressig, aber ein einmaliges Erlebnis im Stanley Cup-Finale dabei sein zu dürfen.“ Wie er den Sprung zu den Besten in der Eishockey-Welt und in den engsten Kreis der Florida Panthers geschafft hatte? „Ich habe Francois Allaire (Koryphäe unter den Torhüter-Coaches, Anm.) in meiner aktiven Zeit kennengelernt. Wir haben immer Kontakt gehalten, ich habe ihm bei seinem Camps unterstützt. Er präsentierte Roberto Luongo (Florida-Assistant GM, Anm.) die Idee eines Goalie-Departments, der war begeistert und erhielt grünes Licht. Allaire holte mich daraufhin an Bord, ich musste nicht zwei Mal überlegen.“ Die Abteilung mit Penker betreut die insgesamt sechs Nordamerika-Torhüter der Panthers, zudem die gedrafteten Keeper.
Mittlerweile ist Penker aber wieder retour in Österreich, um sich für sein Goalie-Trainingscamp vorzubereiten, das in Prag stattfindet. Spiel Sieben findet also ohne ihn statt. „Jetzt gibt es keinen Favoriten mehr, jetzt zählen eigene Gesetze. Hoffentlich gelingt uns ein guter Start und die Tagesverfassung stimmt. Hat Edmonton das Momentum? Ich glaube, das gibt es jetzt nicht mehr. Die Münze kann man in beide Richtungen drehen.“ Natürlich wird er via Livestream mitfiebern. Penker verspricht: „Sollte alles gut ausgehen, gibt es bei mir eine Party.“ Für Florida wäre es der erste Triumph in der Geschichte.
McDavid jagt Gretzky-Rekord
In Edmonton schwappen die Emotionen über, man wartet seit 1990 auf einen Stanley Cup-Sieg. Die lokalen Blätter „Edmonton Sun“ und „Edmonton Journal“ geraten derzeit vor allem über den Deutschen Leon Draisaitl sowie seinen kongenialen Partner und NHL-Superstar Connor McDavid ins Schwärmen. Auch weil es für McDavid, der nach einem atemberaubenden Solo in Spiel Fünf traf, ein Rendesvouz mit der Eishockey-Geschichte geben könnte. Nur fünf Scorerpunkte fehlen dem 27-Jährigen auf den Allzeitrekord von Wayne Gretzky, der in der Oilers-Meistersaison 1984/85 unfassbare 47 Play-off-Punkte sammeln konnte. Noch wichtiger für die Ahornblätter, dem Mutterland des Eishockeys: Es wäre der erster kanadische Stanley Cup-Sieg seit den Montreal Canadiens 1993.