Dossier
Absprung aus der 24-Stundenpflege

"Die 24-Stundenpflege gehört in dieser Form abgeschafft"

Nach über zehn Jahren hat Anna Durisova den Absprung aus der 24 Stundenpflege geschafft. Auf ihrem Weg war sie nicht allein. Ihre Tochter Simona betreute zeitweilig ihre Patienten, damit Anna ihre Ausbildung absolvieren konnte. Die Beiden haben uns ihre Geschichte erzählt. Von Larissa Eberhardt und Michael Sommer

Einen großen Teil ihrer Kindheit verbrachte Simona ohne ihre Mutter. Gemeinsam mit ihren zwei Geschwistern wuchs sie bei der Großmutter auf, während ihre Mutter zehn Jahre lang in Österreich schwerkranke Menschen pflegte. Zwei Wochen arbeiten, zwei Wochen bei der Familie.

Simona und Anna Durisova. 30 und 52 Jahre alt. Sie sind Mutter und Tochter. Sie kommen aus einem Ort namens Velky Krtis im Süden der Slowakei. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie jedes andere Mutter-Tochter-Paar auch. Doch ihre Geschichte unterscheidet sich von den Geschichten  der meisten Österreicherinnen. Gemeinsam haben die beiden es geschafft der prekären Beschäftigung in der 24-Stundenpflege den Rücken zu kehren. 

Ein Minivan holte Anna seinerzeit nachts um zwölf in Velky Krtis ab und fuhr sie gemeinsam mit anderen Frauen ins Nachbarland, damit sie frühmorgens bei den Klienten war. “Fast jede zweite Frau in unserem Ort pflegt in Österreich”, erzählt Tochter Simona. Viele entschlossen sich nach der samtenen Revolution 1989 zu diesem Schritt, weil es sich damals finanziell lohnte. “Bevor ich diesen Beruf ergriffen habe, war ich Versicherungsangestellte”, ergänzt  Anna.

Mein Lohn basierte auf Provision und war sehr unregelmäßig. Eine Bekannte hat mir dann erzählt, dass man in Österreich besseres Geld verdienen könne, und mit drei Kindern war ein stabiles Einkommen wichtig.

Eine Ausbildung als Krankenpflegerin hatte sie also nicht. Ein 80-stündiger Kurs beim Roten Kreuz sollte sie auf die harte Realität einer 24-Stundenpflegerin vorbereiten. Bezahlen musste sie den Kurs aus eigener Tasche. “Umgerechnet etwa 800 Euro hat der Kurs damals gekostet,” sagt sie, “Das klingt jetzt nach nicht viel, aber für mich war das damals  viel Geld.” Bereit, so sagt sie heute, war sie beim Antritt ihrer ersten Stelle keinesfalls.

So hat Anna sich bei ihrem ersten Einsatz gefühlt:

“Du betreust wirklich schwer kranke Leute, und du bist ganz auf dich gestellt. Du hast keine pflegerische Ausbildung, bist aber ganz alleine für Pflege und meist auch noch den Haushalt und den Garten verantwortlich. Am Anfang hatte ich richtig Angst. Das ist gefährlich für dich,  und es ist gefährlich für den Patienten. Oft geben dir die Agenturen auch falsche Informationen und sagen ‘ach, der ist nicht schwer krank, das wird ganz einfach’, und dann findet man jemanden mit Katheter und schwerer Demenz vor.”

Über die zwei Wochen, die  die Einsätze dauern, lebte Anna Durisova bei ihren Patienten. Eine Agentur vermittelte sie 2004 zu ihrem ersten Auftrag ins Wiener Umland, zu einem bettlägerigen Patienten, der gemeinsam mit seiner Frau lebte. 42 Euro verdiente sie damals pro Tag und schickte viel davon zurück in die Slowakei. “Das klingt jetzt wenig, aber damals mit dem Umrechnungskurs, war das ein recht gutes Gehalt. Nachdem wir den Euro bekommen haben, hat sich das alles angeglichen.” Zwei Stunden freie Zeit hatte Anna pro Tag in dieser Zeit. Wirklich abschalten, sagt sie, könne man aber nicht.

Du bist ständig in der Angst, dass dein Patient ruft oder das etwas passiert. Du bist schließlich verantwortlich. Da kann man sich kaum abgrenzen und sagen: ‘nein, ich habe jetzt aber frei’, wenn er etwas braucht.

Für Anna gab es nur einen Weg: Sie wollte sich besser ausbilden lassen

Besonders schwer war die Zeit für sie, weil sie viel vom Aufwachsen ihrer Kinder verpasste. “Das hat mich psychisch fertiggemacht”, erzählt sie. Dass die Kinder sie in Österreich besuchen könnten, war für ihre Auftraggeber unvorstellbar. Das änderte sich erst mit ihrer letzten Auftraggeberin, die einen großen Beitrag dazu geleistet hat, dass Anna es geschafft hat die 24-Stundenpflege hinter sich zu lassen. Ihre älteste Tochter, Simona, hatte zu der Zeit, es muss etwa 2012 gewesen sein, bereits ihren Bachelorabschluss in der Tasche, als Anna ihre letzte Stelle in der 24-Stundenpflege antrat. “Es war eine sehr nette Frau, der  mit 23 eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde,” erzählt Anna.

Sie lebte bereits 20 Jahre mit der Erkrankung alleine in einem großen Haus, als ich zu ihr kam. Sie war die Erste, bei der es in Ordnung war, dass meine Tochter zu Besuch kam. Irgendwann habe ich sie dann angesprochen, ob meine Tochter zu uns ziehen könne, und sie hat ja gesagt.

Man spürt, dass die Bindung zwischen Anna und Simona sehr eng ist. Auch heute wohnen die beiden noch unter einem Dach. Mittlerweile in Graz und nicht mehr bei Klienten, sondern in ihren eigenen vier Wänden. Immer wieder ergänzt Simona Dinge, die ihr wichtig erscheinen, damit wir verstehen, wie schwierig die Situation für Anna damals war. 

Zwar hatte Anna Glück bei ihrer letzten Stelle, aber selbstverständlich war das nicht. Sie erzählt von einer alleinlebenden Frau, die sie betreut hat, die nur tagsüber schlief und nachts aktiv sein wollte. “Sie konnte nicht alleine aufstehen, wollte aber immer noch auf die Toilette gehen oder sich die Beine vertreten. Ich musste dann nachts unzählige Male aufstehen, um mit ihr herumzulaufen. Als ich ihr dann gesagt habe, dass ich das nicht leisten kann, hat sie nachts nicht mehr geklingelt sondern ist alleine aufgestanden. Das war natürlich unglaublich gefährlich für sie, und unsere Zimmer waren so nah beieinander, dass ich sie trotzdem gehört habe. An Schlaf war in der Situation nicht zu denken. Das hat mich wirklich mitgenommen.” 

Es ist ein so schwieriges Verhältnis zwischen Verantwortung und Professionalität, Job und persönlicher Beziehung, Autonomie des Patienten und den Grenzen der Pflegerin. Auf so nahem Raum ist es nahezu unmöglich sich abzugrenzen. Die Unmittelbarkeit des Bedürfnisses des Patienten sorgten damals bei Anna dafür, dass sie sich nicht mehr um sich selbst kümmern konnte. 

Heute sagt sie, dass das Konzept der 24-Stundenpflege in dieser Art abgeschafft gehört. “Die Leute sind nicht ausgebildet für die Arbeit. Es kann so viel passieren, und es nicht gut für die Patienten und das Personal.” Die Lage für die Pflegerinnen hat sich für Corona nochmal verschärft. Für viele ist der Turnus durcheinander gewirbelt und geschlossene Grenzen und Quarantäneverordnungen machen ihnen Probleme.

In der Rückschau sagt Anna, dass sie damals viel zu schlecht für die Arbeit ausgebildet war. Das wollte sie ändern:

Anna ist mittlerweile ausgebildete Fachsozialbetreuerin und arbeitet für die Caritas. Geschafft hat sie das mit der Hilfe von Simona, die mittlerweile ihren Masterabschluss hat. “Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich die Ausbildung überhaupt schaffen kann, besonders wegen meines Deutsch”, sagt Anna.

Bestimmt ein Jahr lang habe ich überlegt, ob ich es mich traue.

 

Beide Frauen setzten sich gegen alle Widerstände durch

Nachdem Simona bei ihr  eingezogen war, übernahm sie für vier Nachmittage die Woche die Pflege der bettlägerigen Frau, ihrer Klientin, damit Anna in die Schule gehen konnte. Ihre erste Ausbildung: Heimhelferin. Es sollte die erste von vielen werden. “Das war wirklich schwer damals,” erinnert sich Simona, aber wir hatten ein ganz klares Ziel vor Augen. Wir wussten beide genau, was wir wollen."

“Das Geld war ziemlich knapp”, sagt Anna. “Simona brauchte einen Deutschkurs, damit sie für den Master angenommen wird und der hat über 300 Euro gekostet.” “Ich habe dann noch als Saisonarbeiterin gearbeitet und Holunder geschnitten, um den Kurs zu bezahlen,” erzählt Simona und winkt ab, als hätte es keine Relevanz. Beide erzählen ihre Geschichte unaufgeregt, aber man merkt, wie stolz sie aufeinander sind. Annas andere beiden Kinder sind in der Slowakei ihren Weg gegangen, und auch ihr  Verhältnis zu Anna ist eng. Nur, dass sie nicht nach Österreich nachkommen wollen, stimmt Anna etwas traurig. Sie hätte ihre Kinder gerne näher bei sich.

Simona hat 2017 an der Universität in Graz ihren Abschluss in Global Studies gemacht. Ihr Masterarbeitsthema: 24-Stundenpflege. Ein besonderes Augenmerk legte sie auf die privaten Agenturen, die die Frauen vermitteln. Viele Praktiken, so zeigt ihre Analyse, sind rechtlich bedenklich. Hohe Vertragsstrafen, treuhänderische Verwaltung der SVA-Abgaben, Verschwiegenheitsklauseln hinsichtlich der Arbeitsweise der Agenturen das alles findet sich in den Werkverträgen, die Simona analysiert hat. 

Auch Anna hatte keine guten Erfahrungen mit ihrer Agentur. 10% ihres ohnehin spärlichen Gehalts musste sie abtreten, ohne dafür wirklich Unterstützung zu erhalten. Auch An- und Abreise zum Arbeitsort musste sie selbst zahlen. “Ich habe mich oft ganz alleine gelassen gefühlt mit der ganzen Verantwortung,” erzählt sie.

Einmal habe ich mich an die Agentur gewandt und um eine neue Stelle gebeten, weil ich es wirklich nicht mehr ausgehalten habe. Die Frau meinte dann nur, dass sie aktuell keine anderen Patienten hätten. Vermutlich um mehr Zeit zu haben, um eine neue Pflegerin für meine Stelle zu finden. Unterstützt gefühlt habe ich mich absolut nicht.

Konkurrenz bekommen die slowakischen Pflegerinnen im Moment von Rumäninnen, die in manchen Fällen für nur 35 Euro pro Tag arbeiten. Lohndumping, weiß Simona aus ihrer Recherche zu berichten, macht den Pflegemarkt noch prekärer.

Anna ist mittlerweile glücklich in ihrem Beruf, aber viele ihrer Freundinnen arbeiten weiter unter den schlechten Bedingungen. Deswegen ist es ihr ein Anliegen, über die Arbeit zu informieren, sie sichtbar zu machen. 

Simona ist nach Abschluss ihres Studiums jetzt auf Jobsuche. Ihre Mission: Eine Stelle finden, in der sie Frauen mit Migrationshintergrund zu besseren Arbeitsbedingungen verhelfen kann. 

 

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