Haselsteiner im Interview

"Bin weder Siegfried noch Titan"

Hans Peter Haselsteiner zum 70er ganz privat über Geld für Straßenkinder und Maßschuhe, die Nähe zu Putin und Wagner, sowie einen unerfüllten Tochterwunsch.

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© APA
 

Was erlaubt Ihnen die Schrothkur hier oben im Mölltal heute Mittag?

HANS PETER HASELSTEINER: Salat, Selleriesüppchen, Topfenknödel. Ich hab in 14 Tagen acht Kilo abgenommen. In dem Fall fürs Äußere, bevor ich vor viele Gratulanten hintrete.

Wie jung fühlen Sie sich?

HASELSTEINER: Nicht wie 70, aber in 12,5 Sekunden bring ich die 100 Meter nicht mehr hin.

Heliskiing schon noch?

HASELSTEINER: Das möchte ich noch mit 80 Jahren machen.

Wie beschäftigt Sie Ihr Alter?

HASELSTEINER: In meiner Familie bin ich der Älteste, meine Mutter starb mit 67, mein Vater mit 63. Meine Großeltern wurden 80. Aber das Alter hat sich verschoben. Heute hat mancher das Glück, betagt aber trotzdem jung sterben zu dürfen.

Sie denken öfter ans Sterben?

HASELSTEINER: Häufig! Nicht mit Angst vor dem Sterben, aber vor langem Siechtum. Mit Entsetzen verfolge ich die Debatte um die Sterbehilfe.

Persönliches Thema für Sie?

HASELSTEINER: Selbstverständlich, ich trat schon vor 20 Jahren dem Verein für Sterbehilfe in der Schweiz bei. Wenn es sein muss, sterbe ich in Zürich, aber ich würde lieber in Bozen oder hier sterben. Man müsste die Sterbehilfe liberalisieren. Die Argumente, dass dann die Erben warten, dass einer verreckt, kann man einfach wegsteuern. Die ÖVP hat aber die Erbschaftssteuer abgeschafft.

Eine Grenzöffnung wider das Leben alarmiert Sie nicht?

HASELSTEINER: Sterbehilfe darf in der Schweiz erst nach einem Antragsprozess gegeben werden. Erst wenn mehrere Kommissionen von Ethikern, Ärzten, Juristen und Psychologen ihn freigeben, darf der sich Verabschiedende sterben. Da gibt es dann das Phänomen, dass viele wieder Lebensmut schöpfen. Rollstuhl, Demenz, Gitterbett - ich will als 84-Jähriger keine Windel anziehen.

Wollen Sie 100 werden?

HASELSTEINER: Mit der Schrothkur hat man eine gute Chance, die Dinge zu verlängern, aber ich habe keinen Alterswunsch.

Welche Wünsche haben Sie für das Leben, das vor Ihnen liegt?

HASELSTEINER: Mein Leben ist ausreichend bunt und vielfältig. Ich bin zufrieden, wenn ich meinen körperlichen und geistigen Zustand prolongieren kann.

Was blieb unerfüllt?

HASELSTEINER: Ich hätte gerne eine Anna gehabt, eine Tochter. Enkelkinder werden mir früher oder später erfüllt werden. Meine Frau sagt etwas schnippisch, ich hätte selbst für das Enkelkind gesorgt.

Sie sprechen ihre zweite Beziehung und ihren außerehelichen 12-jährigen Sohn neben ihren drei erwachsenen Söhnen an. Wie bilanzieren Sie das Thema Familie?

HASELSTEINER: Ich glaube, dass ich als Familienmitglied nicht das leuchtende Vorbild bin. Das haben andere besser gemacht. Natürlich bereitet das im Umfeld viele Schmerzen, aber es ist nicht so, dass meine Frau mir das nicht verziehen hätte. Heute ist es jungen Vätern viel bewusster, was sie in ihren Familien zu verlieren haben und gewinnen können.

Sie waren wohl eher kein präsenter Vater?

HASELSTEINER: Ich hatte beachtlichen beruflichen Erfolg und eine bemerkenswerte politische Zeit. Als ich 1993 bei Heide Schmidt im Liberalen Forum in die Politik einstieg, war ich gerade 50 und meine Kinder zwischen zehn und 16 in der Pubertät. Da fehlte ihnen in einer schwierigen Situation die Präsenz des Vaters. Ich liebe meine Söhne und sie mich trotzdem auch.

Wie weit geht die familiäre Gemeinsamkeit?

HASELSTEINER: Die Frauen halten den Kontakt auf der Schwelle, die noch schmerzfrei ist.

Was war Ihnen bei der Erziehung Ihrer Kinder wichtig - gerade im Umgang mit ihrem Reichtum?

HASELSTEINER: Dass sie zweisprachig und daher in Bozen aufwuchsen, und nicht Massentrends verfallen wie den neuesten iPads. Mich freut, dass sie von sich aus dafür waren, dass von der Familienstiftung 51 Prozent der Ausschüttung an kulturelle und soziale Zwecke gehen und 49 Prozent an die Begünstigten.

Was erreichen Sie mit Ihrem Engagement für Straßenkinder in Moldawien?

HASELSTEINER: Straßenkinder gibt es Gott sei Dank keine mehr. Aber Tragödien an Vernachlässigten, Ausgestoßenen, Drogenabhängigen. Um die kümmern wir uns mit Pater Markus Inama. Das Problem hat eine andere Stufe erreicht, noch grausamer. Bei kleinen Kindern sind die Spenderherzen gerührt. Aber einem abgeschundenen 50-Jährigen zu helfen, ist die eigentliche Herausforderung in der Sozialarbeit. Die Menschen in den Roma-Siedlungen haben nicht einmal die Karte für die Straßenbahn. Die können gar nicht zu einem Arzt. Eine Sozialcharta wäre überhaupt die Herausforderung für Europa.

Welchen Luxus genießen Sie?

HASELSTEINER: Wenn ich hier spazieren gehe und ins Obere Mölltal hineinschaue. Diese Lust, diese Sonne, dieses Wohlgefühl. Nur bei verrückt glamourösen Menschen muss es noch ein größerer Klunker oder Busen oder ein noch schnelleres Auto sein.

Wie leben Sie Ihre Eitelkeit aus?

HASELSTEINER: Ich hoffe, nicht übertrieben eitel zu sein. Zugegeben, ich habe viele elegante Schuhe von Scheer und Waldviertler in allen Farben.

Mit einer Reichensteuer hätten Sie zuallererst bei sich angesetzt.

HASELSTEINER: Jede Steuererhöhung ist eine Zumutung, wenn man unsinnige neun Landtage und Landesdienste erhält. Würde der Staat Strukturen straffen, kann ich mir eine Reichensteuer vorstellen. Aber das ist nicht Programm meiner Partei.

Traurig, weil es mit den Neos nicht zum Finanzminister reichte?

HASELSTEINER: Nein. Dann hätte ich jetzt viel weniger Zeit.

Frank Stronach haben Sie das Scheitern als Kasperl auf der politischen Bühne prophezeit.

HASELSTEINER: Beurteilen Sie selbst. Er ist gescheitert, weil er es nicht mehr überblickt hat.

Was zog Sie zu den Liberalen?

HASELSTEINER: Ich musste die ÖVP geistig verlassen und Haider war mir als Wolf im Schafspelz immer zu unheimlich.

Bei der Olympiade in Sotschi stehen Sie unter dem persönlichen Schutz von Wladimir Putin?

HASELSTEINER: Ich fahre nicht nach Sotschi. Ich möchte mich dem Gedränge nicht aussetzen.

Wie halten Sie Distanz zu Putin, mit dem Sie über Strabag-Miteigentümer Oleg Deripaska indirekt verbunden sind?

HASELSTEINER: Deripaska hält ein Fünftel an der Strabag und kann das Viertel, das er schon hatte, wieder erwerben. Ich brauche Herrn Putin nicht. Würde er mich rufen, würde ich ihm selbstverständlich meine Aufwartung machen. Er ist das Ergebnis einer Transformation einer großen Nation, die es ohne große Revolution geschafft hat, das Volksvermögen neu zu teilen und sich der Demokratie zu nähern. Das ist in der Weltgeschichte eine Sensation. Ich bedauere, dass die EU so großen Abstand zur Russischen Föderation hält. Russland ist ein Teil Europas.

Meinen Sie aber nicht auch wie Pussy Riot, dass Putin jetzt politische Gefangene nur als Showact vor Olympia freilässt?

HASELSTEINER: Besser eine Show und sie sind frei, als sie sitzen.

Ein Denkmal der Unsterblichkeit setzen Sie mit dem Festspielhaus in Erl, das man mit Richard Wagner verbindet. Wo finden Sie sich im "Ring des Nibelungen"?

HASELSTEINER: Jedenfalls nicht im Siegfried.

Aber bei den Themen? Es geht um Macht und Reichtum, Verträge und auch deren Bruch.

HASELSTEINER: "Der Ring" hat einen starken Inhalt und er lässt den Zuhörern freien Spielraum der Fantasie. Es ist schön bei Wagner, dass sich Millionen von dieser Musik gefangen nehmen lassen können.

Als Wagner 1872 den "Ring" fertigstellte, schrieb er: "Vollendet das ewige Werk, wie im Traum ich es trug." Blicken Sie so auch auf Ihr Lebenswerk von Strabag bis Erl?

HASELSTEINER: Es ist nicht vollendet. Gestern habe ich mit den Strabag-Kollegen diskutiert, wie 2014 wird. Erl ist nicht Walhall, Fafner und Fasolt sind keine Bauunternehmer, sondern Gestalten einer verborgenen Titanenwelt. Ich bin weder Siegfried noch Titan und will lieber am Boden bleiben.

Sie bewegen sich in der verborgenen Welt der Freimaurer.

HASELSTEINER: Die Zugehörigkeit zu den Freimaurern ist insbesondere für einen liberalen Menschen der stete Quell intellektueller Herausforderung. Ein Machtinstrument erblicken darin nur Leute mit Verfolgungswahn oder die nicht dazukamen, obwohl sie es wollten, wie zum Beispiel Jörg Haider.

Was würde in Ihrer Lebensbeichte jedenfalls vorkommen?

HASELSTEINER: Ich lege keine Lebensbeichte ab, nur mir gegenüber und vielleicht dem, dem ich einmal gegenübertrete, dem Baumeister aller Welten. Mein Gott ist nicht der Bärtige in der Kirche.

Wo sehen Sie den Baumeister der Schöpfung? Auch in Ihren Genen oder in der Gentechnik?

HASELSTEINER: Die Schöpfung sehe ich in der Natur und in Menschen. Die Gentechnik wird unglaubliche Impulse setzen und die Lebenszeit einmal auf 120 Jahre katapultieren. Über meine Gene denke ich nicht nach, das macht für mich der Doktor Schroth.

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