Gegenrede. Dann lieber ganz verzichten auf die Matura. Mit seinem feurigen Plädoyer gegen die Einebnung der Reifeprüfung und der mit ihr verbundenen Bildungsideale hat Konrad Paul Liessmann für viel Zustimmung, aber auch für heftigen Widerspruch gesorgt.

Die Grazer Maturantin Magdalena Rosina Prettenthaler antwortet dem Philosophen:

Magdalena Rosina Prettenthaler ist zurzeit imMaturajahrgang an der HTLV Ortweinschule im Bereich Grafik und Kommunikationsdesign
Magdalena Rosina Prettenthaler ist zurzeit imMaturajahrgang an der HTLV Ortweinschule im Bereich Grafik und Kommunikationsdesign
© Juergen Fuchs

Ich kann mich Ihrem Kulturpessimismus, sehr geehrter Herr Professor Liessmann, nur anschließen. Ich glaube nicht, dass es so weiter gehen kann. Ich glaube nicht, dass wir weiter mit dieser, auch von Ihnen praktizierten Kultur des Beschimpfens, des von Oben-herab-Sprechens, mit dieser Kultur der Spaltung weitermachen können. Eines der Dinge, die ich durch die Pandemie gelernt habe, ist, wie wichtig gelungene und wertschätzende Kommunikation ist. Es wurde so viel geredet über uns, die Jugendlichen, die Schule. Nur in Sonderfällen mit uns.

Sie schreiben, „dass die von der Pandemie angeblich schwer getroffene Jugend jetzt auch noch eine konventionelle Reifeprüfung ablegen soll, scheint für manche eine kaum zumutbare Belastung zu sein.“

Ich frage mich, ob Sie, Herr Liessmann, mit diesem Satz wirklich suggerieren wollen, dass die etlichen Studien der letzten Monate Unrecht haben, die zu dem Schluss gekommen sind, dass die mentale Gesundheit der Jugend unter Corona schwer gelitten hat. Ob Sie wirklich bezweifeln wollen, dass bald schon zwei volle Jahre Pandemie und drei Schuljahre, in denen alles unsicher und verwirrend war, die Jugend schwer getroffen haben? Als eine Person, die durchgehend mittendrin war, brauche ich nicht einmal Studien, um mit Sicherheit sagen zu können: Viele von uns sind am Weg verloren gegangen. Viele haben sich selbst und den Blick nach vorne verloren. Viele wissen nicht mehr, wieso sie lernen sollen, wenn sie das Gefühl haben, keine Zukunft zu haben. Viele fragen sich, wofür man gut verdienen soll, wenn man nicht leben will. Glauben Sie, ich übertreibe? Glauben Sie, das sind nur meine Gedanken? Dann fragen Sie irgendeinen Jugendlichen aus Ihrer Umgebung. Reden Sie mit einer jungen Person und hören Sie zu! Hören Sie einmal wirklich zu!

Wahrscheinlich, meinen Sie, wäre es ehrlicher, auf die Matura überhaupt zu verzichten. Doch vermutlich auch dagegen würde sich Protest regen. Denn dann, so spotten Sie, stünden auch die „Maturareisen mit ihren berühmten feucht-fröhlichen Partys zur Disposition“.

Woher haben Jugendliche, glauben Sie, die Gewohnheit, „feucht-fröhliche“ Feste zu feiern? Österreicher trinken aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit. Und woher hat „die Jugend“ das Bedürfnis, alles für einen Moment zu vergessen, einmal nur in der Gegenwart zu sein und Hedonismus hochprozentig zu leben? Ich glaube, die Antwort darauf habe ich bereits relativ klar gegeben. Wer gönnt uns in diesem Kontext nicht, dass wir feiern wollen, wenn wir das alles vorbei haben, und zumindest so, wie alle Generationen vor uns.

Sie halten es für höchst irritierend, „dass großzügige Bildungsangebote hierzulande eher als eine lästige Zumutung denn als eine veritable Chance begriffen werden“.



Hier stimme ich Ihnen, Herr Professor, zu: Das Schulsystem bedarf einer gründlichen Reform. Ich fürchte allerdings, unsere Baupläne dafür gehen aber sehr weit auseinander. Für viele Jugendliche war es eine große Herausforderung, sich ihre Zeit im Homeschooling selbst einzuteilen und sich zu motivieren, sämtliche Aufgaben zu erledigen. Das zeigt aber nur, wie unglaublich wichtig der Schritt ist, Schülerinnen und Schülern Eigenverantwortung zuzutrauen, sie das Lernen zu lehren statt Formeln, die sie nach der Schularbeit vergessen und dann einfach googeln. Es sollte mehr um ein Verstehen, ein systematisches Denken gehen, als um Auswendiglernen. Unsere Welt, und das, was wir über sie wissen können, hat sich massiv verändert und deswegen muss sich auch unser (Schul-)System ändern.

Sie erklären, bei der mündlichen Matura „geht es nicht darum, künstlich Barrieren zu bauen, sondern jungen Menschen die Erfahrung zu vermitteln, dass uns die Dinge selbst mitunter mehr abverlangen können, als uns lieb ist“.

Die Erfahrung, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist, hat jeder allerspätestens durch die Pandemie selbst gemacht. Aber auch davor sind wir nicht nur ausgelassen durch Blumenfelder gehüpft. Die schwinden nämlich, zusammen mit dem Rest unserer Natur und unserem stabilen Klima. Unsere Umwelt schmilzt uns sprich- und wortwörtlich unter den Fingerspitzen weg. Sie können uns glauben: In der Welt von Klimawandel, Corona, Terrorismus und Fake News aufzuwachsen, ist herausfordernd genug. Wir brauchen keine Lektion darin, wie schwer das Leben ist. Was wir brauchen, sind Werkzeuge, um damit umzugehen. Schüler lernen nicht durch Druck. Am besten lernen sie, wenn das Thema sie interessiert, wenn sie eine Beziehung zu den Inhalten haben, wenn die Lehrerschaft sie ernst nimmt und sie mit dem gleichen Respekt behandelt, den sie selbst einfordert.

In Ihren Augen ist „das einst strenge und sinnvolle Ritual der Reifeprüfung leer geworden.“ – Da haben Sie, Herr Professor, Recht. In dem Versuch der Zentralmatura, alle Schüler über einen Kamm zu scheren, ist fast alles, was individuelle Leistungsfähigkeit anspornt und zulässt, einen persönlichen Stil zu entwickeln, weggefallen. Statt Verständnis wird das Wiedergeben von Schablonen forciert. Da nicht jeder in Mathematik ein sehr hohes Level erreichen kann, wird das Level einfach niedriger gemacht. Der Gedanke, dass aber nicht jeder so ein extrem hohes und komplexes Level an Mathematik erreichen will oder muss, andere aber vielleicht viel mehr bräuchten, um sich adäquat gefordert zu fühlen, findet nur zögerlich Anklang. Jeder einzelne Mensch kann irgendetwas gut. Junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre Stärke zu finden und ihrer Neugierde nachzugehen, sollte das höchste Ziel einer jeden Lehrerin, eines jeden Lehrers sein.

Die vielen Phasen des Homeschoolings haben mich gelehrt, dass man auch ohne den Druck einer punktuellen Leistungsüberprüfung produktiv lernen kann. Auch, dass Arbeitsaufträge, die eigenständig zu bewältigen sind, die tatsächliche Leistungsfähigkeit von uns Schülern besser stimulieren können, als ein Test und noch dazu ein tieferes Verständnis der Materie ermöglichen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass das, was durch diese Zeit durchgeschüttelt wurde, nicht wieder in das alte System eingeordnet wird, sondern dass wir – Schüler, Lehrpersonen und Politiker – gemeinsam auf Basis unserer Erfahrungen ein neues (Bildungs-)System gestalten.

Dass wir wieder zur mündlichen Matura antreten müssen, stört mich persönlich nicht. Mir ist am wichtigsten, dass wir endlich Klarheit darüber haben. Es gäbe genug andere Gründe, auf die Straße zu gehen. Wenn einige aus unserem Jahrgang es dennoch aus diesem Grund tun, dann, weil sie das Unrecht spüren, dass ihnen in dieser schwierigen Situation widerfahren ist. Weil die Schule ihnen nicht das beibringen konnte, was sie glauben, für ihre Zukunft zu brauchen, weil sie von ihnen Dinge verlangt hat, die sie zu dieser Zeit nicht leisten konnten.

Wenn Sie als emeritierter Philosophieprofessor das zum Anlass nehmen, pauschalisierend verbal auf uns alle einzuschlagen, machen Sie keine gute Werbung für das humanistische Bildungsideal, für das Sie gern stehen möchten.

In den Jahren der Pandemie habe ich so viel gelernt, über mich, über menschliche Beziehungen, über Trauer, über Einsamkeit, über Gemeinschaft, ja über das Leben im Allgemeinen. Diese Art von Allgemeinbildung werden wir Jugendliche in unsere Zukunft mitnehmen. Wir werden dafür arbeiten, eine gerechtere Welt zu schaffen. Wir werden dafür arbeiten, dass ein jeder und eine jede ihre Talente finden und einbringen können. Wir werden für eine Welt arbeiten, in der alle Platz haben, auch in schwierigen Gesamtsituationen.

Was wir jetzt brauchen, ist ein bisschen Respekt dafür, was wir alles gelernt haben, für all das, was wir durchgemacht und ja auch jetzt vor der Matura schon geleistet haben, auch wenn es nicht dem entspricht, was Sie, Herr Professor, sich unter Bildung vorstellen.