Coronavirus Einheitliche Regeln für Klassenzimmer gefordert

Der Innsbrucker Kinderklinikchef und ein Epidemiologe der Uni Innsbruck fordern einheitliche Schul-Quarantäneregeln, Masken und regelmäßiges Testen für Ungeimpfte.

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© (c) Ramona Heim - stock.adobe.com (Ramona Heim)
 

Was bei einem Corona-Fall im Klassenzimmer zu tun ist - also wer und wie viele Kinder und Jugendliche dann wie lange zu Hause bleiben müssen - entscheidet im anlaufenden neuen Schuljahr die lokale Gesundheitsbehörde. Der Direktor der Innsbrucker Kinderklinik Thomas Müller sowie der Epidemiologe Peter Willeit von der Medizinischen Universität Innsbruck pochen aber im APA-Interview auf einheitliche Regeln und plädieren dafür, dass nicht die gesamte Klasse in Quarantäne muss.

Vielmehr sehen sie die Lösung in regelmäßigen PCR-Tests und dem Tragen von FFP2-Masken von nicht geimpften K1-Schülern, während gesunde Geimpfte ohne PCR-Tests weiter den Unterricht besuchen. Die beiden Forscher waren auch an der Durchführung der Schul-Antigenstudie beteiligt. Hier wurde beobachtet, dass häufige Cluster in Klassen eher die Ausnahme bildeten. Inwieweit die ansteckendere Delta-Variante diese Erkenntnis revidieren wird, sei aber noch offen, gaben sie zu bedenken.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) begrüßte in einer Aussendung den Vorschlag, bei einem positiven Test nicht die ganze Klasse in Quarantäne zu schicken: "Unsere Gurgelstudie hat gezeigt, dass Cluster in Klassen die Ausnahme bilden. Wir haben mit flächendeckenden PCR-Tests an allen Schulen, mit dem Abwasser-Frühwarnsystem und zahlreichen Impfangeboten ein umfangreiches und europaweit einzigartiges Sicherheitskonzept geschaffen."

Was, wenn ein Kind positiv ist?

Müller fehle aber aus kinderärztlicher Sicht eine einheitliche Quarantäneregelung, sagte er. Er schlug daher vor: Bei einem positiven Fall in einer Klasse sollen alle Kinder eine Maske aufsetzen und bis Unterrichtsende dort bleiben. Immerhin müssen die Kinder ja betreut werden und Eltern können nicht immer sofort den Arbeitsplatz verlassen. Anschließend werden PCR-Tests durchgeführt, die negativ getesteten Kinder dürfen mit einer FFP2-Maske in den Unterricht zurückkehren. Gesunde und geimpfte bzw. genesene Kinder können ohne PCR-Test weiter in der Klasse bleiben. Bis zu zehn Tage könne dann ein PCR-Test-Intervall von 48 Stunden durchgezogen werden. Sollten aber etwa drei Schüler positiv getestet werden - unter der Annahme von einer Klassengröße von 25 Kindern - dann müssen alle Kinder in eine "Kurzquarantäne". Diese wurde kürzlich wieder vom deutschen SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ins Spiel gebracht. Nach fünf Tagen soll es dann die Möglichkeit zum "Freitesten" geben.

Für Müller war klar: "Wir werden nicht jede Infektion in den Schulen vermeiden können. Sonst müssen wir die Schulen zulassen und das will niemand". Wenn man ein Testprogramm in den Schulen habe, sei das sehr sinnvoll. "Aber man muss die Konsequenzen durchdenken, das müssen wir im medizinischen Alltag auch machen", kritisierte er fehlende Vorgaben von Bildungs- und Gesundheitsministerium.

Wie aus der Schul-Gurgelstudie - bei der die Aussagekraft von "Nasenbohrer"-Antigentests mittels PCR-Tests kontrolliert wurde - hervorging, wurden bei den Selbsttests nur etwa zehn bis 30 Prozent der infizierten Schüler entdeckt, bei Lehrern lag der Anteil mit 25 bis 60 Prozent höher. "PCR-Tests sind der Goldstandard", merkte Willeit an, der aber auf organisatorische Herausforderungen bei dieser Testmethode verwies. Mit regelmäßigen Antigen-Selbsttest könne man aber einen Teil der Infektionsketten erfolgreich erkennen und durchbrechen, sagte der Epidemiologe.

Willeit beurteilte das "Frühwarnsystem" über die "Wächter"-Schulen, bei denen das Infektionsgeschehen beobachtet werde, als grundsätzlich gut. Dadurch erhalte man eine repräsentative Stichprobe, man könne dadurch "gewisse Trends" erkennen. Allerdings konnte er mit der Maßnahmenverschärfung, die mit einer risikoadjustierten Sieben-Tage-Inzidenz von 100 einhergeht, wenig anfangen. Diese sei "relativ schwierig zu interpretieren". Viel aussagekräftiger wäre es, auf die altersspezifischen Inzidenzen - also jene der Kinder und Jugendlichen - zu schauen. Eine Gruppe, die bisher mangels Zulassung der Impfstoffe für Unter-12-Jährige, mehrheitlich noch nicht geimpft ist.

Keine schweren Nebenwirkungen

Für alle Kinder über zwölf Jahren sprach Müller eine eindeutige Empfehlung aus, sich impfen zu lassen. Man habe mittlerweile "zigmillionenfache Erfahrungen aus Kanada, den USA und Europa". "Schwere Nebenwirkungen hat es nicht gegeben". Sollte in sehr seltenen Fällen eine milde Herzmuskelentzündung auftreten, könne diese "in wenigen Tagen gut ausheilen", informierte er.

Die Risiko-Nutzen-Abwägung falle eindeutig für die Impfung aus, denn neben der akuten Infektion - in den USA wird vermehrt von schweren aktuen Verläufen bei Kindern berichtet - spielen auch das Hyperinflammationssyndrom und Long Covid bei Kindern und Jugendlichen eine Rolle. In welchem Ausmaß Letzteres auftrete, sei allerdings noch schwer zu sagen - auch weil die Symptome nicht immer eindeutig auf eine durchgemachte Corona-Infektion zurückzuführen seien.

Durch den Anstieg der Corona-Infektionen in den vergangenen Wochen sei es bis heute zu keiner Häufung von stationären Aufnahmen aufgrund von Infektionen bei Kindern gekommen, berichtete Müller. Er ging auch nicht davon aus, dass dies noch bevorstehe - man müsse dies aber österreichweit genau beobachten. "Wir haben in der starken zweiten Welle vergangenen November zwar eine Zunahme der Hospitalisierungen gesehen, aber das war in Summe sehr wenig". Man verzeichne an der Innsbrucker Kinderklinik seit Monaten fast keine Aufnahmen mehr aufgrund einer Covid-19-Infektion.

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welean
15
23
Lesenswert?

Fast keine Aufnahmen an der Kinderklinik

Aber die Nutzen-Risiko-Abwägung der Impfung spricht für die Impfung. Keine schweren Verläufe bei Kindern (definitiv bei ungeimpften, da noch sehr wenige geimpft sind) und dennoch ist die Impfung das Ein und Alles? Verstehe ich nicht. Wo so gut wie kein Risiko, kann sich keine Impfung notwendig sein..