Als ich vorigen Sommer Triest besuchte, habe ich mich sofort in die neue alte Straßenbahn verliebt. Diese Straßenbahn ist alt, denn sie wurde schon zu kaiserlich-königlichen Zeiten, im Jahre 1902, in Betrieb genommen. Sie ist aber auch neu, denn sie wurde nach immer wieder auftauchenden Problemen und Unfällen 2025 aus dem Dornröschenschlaf geholt, mit den alten Holzsitzen von früher und dem modernen Triestiner Ticketsystem von heute (um eine Fahrkarte zu kaufen, hält man einfach seine Bankomatkarte vor den Automaten in der Tram).
Es geht steil hinauf
Die Straßenbahn (oder wie man hier sagt, die Tram de Opcina) fährt von der Piazza Oberdan bis in den Vorort Opicina, also steil den Berg hinauf. Deswegen ist sie auch nicht bloß eine Straßenbahn, sondern ab dort, wo es richtig steil wird, eine Standseilbahn. Zwischendurch gilt es, eine Steigung von 26% zu bewältigen. Schnell ist man mit ihr in einer karstigeren Landschaft und genießt einen umwerfenden Blick auf das Meer und die Stadt. Oben gibt es direkt an der Endhaltestelle eine typisch italienische Bar, also ein Café, in dem man Tramezzini und Espresso bekommt, und was es sonst noch so braucht zum Glücklichsein. Die zweite Endhaltestelle der Linie, die Piazza Oberdan, wurde nach Guglielmo Oberdan benannt, der ein Attentat auf den damaligen Kaiser Franz Joseph geplant hatte. Für diesen Versuch wurde er hingerichtet. Seither gilt er als italienischer Nationalheld, als Symbol für den Irredentismus, der auf ein vereintes Italien drängte. Sein Leben und die damit verbundenen politischen Strömungen prägen bis heute das kollektive Gedächtnis Triests, genauso wie die später folgenden Weltkriege es tun. Sie apern aus bis in die gegenwärtige Geschichte. Wie sehr alles mit allem zusammenhängt, wird mir an der Piazza Oberdan bewusst.
Die Tram fährt schon wieder nicht
Für zwei Monate, März und April, bin ich hier. Mitten in der Stadt, in der Via Mazzini, teile ich eine Wohnung mit dem Künstlerduo zweintopf. Ein Stipendium des Landes Steiermark ermöglicht mir die künstlerische Auseinandersetzung mit der blau-weißen Tram, in die ich mich im letzten Urlaub so schnell verliebt hatte. Ich bin mit ihr hinauf und wieder hinuntergefahren und war hingerissen. So eine sanfte und ästhetisch ansprechende Form von Mobilität ausgerechnet hier, wo man es mit der sanften Mobilität eigentlich nicht so hat: Unglaublich viel motorisierter Verkehr, alles schnell, alles laut und nicht enden wollend. Beim Canale Grande: Verkehr. Beim Castello di San Giusto: Verkehr. Der Weg zum Schloss Miramare, kilometerlang links das frühlingssaubere Meer und rechts: Verkehr. Und mit Verkehr meine ich in diesem Fall alles, was einen Motor hat und stinkt. Einzig die Straßenbahn konnte mich mit diesem Wirbel aussöhnen. Aus meiner spontanen Zuneigung zur Tram di Opicina, die früher auch in mehreren Volksliedern besungen wurde, entstand eine Projektidee, die ich diesen Frühling mittels Fotografie und Literatur umsetzen wollte. In Triest angekommen, musste ich allerdings feststellen: Sie fährt schon wieder nicht. Am Piazza Oberdan steht momentan ein Betonblock auf den Gleisen und keine Straßenbahn (die steht nämlich in Opicina). Sie wird gerade einer Revision unterzogen und ist vermutlich ab Mai wieder in Betrieb, wenn ich nicht mehr hier bin.
Triests Friedhöfe als Spiegel der Geschichte
Auf einem Flohmarkt, der beim Porto Vecchio, dem alten Hafen, nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof stattfindet, kaufe ich mir eine kleine Nachbildung der blau-weißen Tram und denke mir ein neues Projekt aus. Ich mag Friedhöfe wirklich sehr gerne. Vielleicht, so überlege ich, könnte das mein Weg sein, mich mit Triest besser anzufreunden, denn auf den Friedhöfen entkomme ich dem Straßenverkehr, auf den Friedhöfen finde ich sicher meine Ruhe. Es gibt in und rund um Triest viele kleine Begräbnisstätten, die nicht unbedingt im Reiseführer zu finden sind, und es gibt die großen Friedhöfe, die sich zu einem Gutteil an der Via della Pace rund um den Sant’Anna-Hügel befinden. Durch verschiedene Eingänge betritt man griechisch-orthodoxe, serbisch-orthodoxe, jüdische, islamische, evangelische, anglikanische letzte Ruhestätten und einen ehemaligen Militärfriedhof. Diese teils imposanten Orte harmonisch nebeneinander sprechen beredt vom Schmelztiegelcharakter, der Triest seit der Habsburgermonarchie zugeschrieben wird. In einer derartigen Hafen- und Handelsstadt konnte religiöse Pluralität genauso gedeihen wie sprachliche und kulturelle Vielfalt. Die Friedhöfe zeugen aber auch von den Zeiten, in denen dieses Miteinander durch ethnische Konflikte, Nationalismus und Krieg zerstört wurde. Das Drama des Todes eines geliebten Menschen wird zum Mosaikstein in den großen Bildern des Auseinanderbrechens von Weltordnung. Man wird zwischen den Grabsteinen der letzten 150 Jahre unwillkürlich in die Gegenwart zurückgeworfen. Wieder zurück in der Stadt, deren hektischer Verkehr mir allmählich vertraut wird, muss ich wohl noch genauer hinhören, um zwischen Lärm und Stille die versteckten Geheimnisse einer so geschichtsträchtigen Stadt wie Triest zu entdecken.