Filmkritik"Stillwater": Ein Abziehbild eines Amerikaners in Marseille

Amanda Knox hat Tom McCarthy zum Drama „Stillwater“ inspiriert: Die Fakten bleiben lose, Matt Damon schlittert als Raubein in Marseille von einer Krise in die nächste.

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Matt Damon strandet in Marseille und hat in „Stillwater“ an der Seite von Camille Cottin eine Mission zu erfüllen © Universal Pictures
 

Bewertung: ***

Seine Tochter Allison sitzt seit fünf Jahren im Gefängnis, weil sie beschuldigt wird, ihre Mitbewohnerin ermordet zu haben. Bill reist von Stillwater in Oklahoma nach Marseille, um ihr zu helfen. Anders als ihre Anwältin glaubt der Bohrarbeiter an die Unschuld seiner Tochter. Der Plot erinnert Sie an die Geschichte von Amanda Knox? Bingo! Oscar-Preisträger Tom McCarthy („Spotlight“) hat sich von der wahren Story der Studentin, die 2009 im italienischen Perugia zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist und 2015 von der Anklage wegen Mordes freigesprochen wurde, inspirieren lassen. Die heute 34-jährige Knox schäumt deswegen und twitterte: „Gehört mein Name mir? Mein Gesicht? Was ist mit meinem Leben? Meiner Geschichte?“
Ein Biopic ist das bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführte Drama „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ aber nicht. Vielmehr nimmt McCarthy Knox’ Geschichte zum Anlass, um auf losen Fakten zum Fall das Schuld-Sühne-Drama eines Vaters aufzusetzen. Matt Damon verkörpert dieses bullige Raubein, einen Ex-Süchtigen und Ex-Sträfling. Bill ist ein US-Bürger wie ein Abziehbild, der am White-Man-Blues leidet, dessen Arm ein Weißkopfadler-Tattoo ziert und der vor dem Essen (Junk Food!) betet. Als Vater von Allison (blass: Abigail Breslin) hat er einst nicht wahnsinnig gut performt. In Baseballkappe, mit gesenktem Blick und gebückter Haltung trägt der Hollywoodstar den Film mit seiner körperlichen Präsenz. Er will wiedergutmachen, das ist seine Mission.
Die alleinerziehende Nachbarin Virginie (eine Klasse für sich: „Call My Agent!“-Star Camille Cottin) und ihre neunjährige Tochter Maya (Lilou Siauvaud) kommen gerade recht. Die Frau hilft ihm, als er auf eigene Faust zu recherchieren beginnt, er passt auf die Tochter auf und revanchiert sich mit Handwerksarbeiten daheim. Das mündet in eine unglaubwürdige Lovestory. Der Befreiungsversuch der Tochter scheint in diesen Szenen nicht mehr zu existieren.


Ein Amerikaner in Marseille – inklusive der Reflexion über die Rolle der Vereinten Nationen in einer pluralistischen Welt ergibt das eine nicht unspannende Ausgangssituation. Die Betrachtung der unterschiedlichen Kulturen wirken jedoch wie am Reißbrett konstruiert. Tom McCarthy und sein Autorenteam wollen viel zu viel auf einmal: „Stillwater“ ist zugleich Thriller, Vater-Tochter-Drama, Midlife-Crisis-Studie, Annäherung der Kulturen und unrealistische Romanze. Ein bisschen zu viel Unentschlossenheit, eingebettet in mediterran hübsche Bilder aus Marseille.

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