Ruth und Hannah in Jessie Caves Debütroman "Sunset" sind zwei ungleiche aber unzertrennliche Schwestern. Ihre Beziehung ist sehr vertraut und nah, viel enger als die zu den Eltern, die vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Es ist kein Konkurrenzverhältnis, trotzdem fühlt sich Ruth im Vergleich zu ihrer Schwester immer unzulänglich, unterlegen, unperfekt: Sie hat ihr Kunststudium abgebrochen, jobbt in einem Coffee-Shop, ist unordentlich und chaotisch.

Als die vier Jahre ältere Hannah bei einem gemeinsamen Urlaub am Mittelmeer tödlich verunglückt, bricht Ruths Welt zusammen. Gequält vom Schuldgefühl weiter zu leben und vom Verlust ihrer Vertrauten droht sie abzustürzen. Doch bald gibt ihr Hannahs Freund Rowan Halt, mit dem sie den Nachlass ihrer Schwester zu regeln beginnt.

Poetische Bilder

Die konsequent subjektiv aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Ruth geschilderte Bezeihungsgeschichte ist voll amüsanter und berührender Begegnung und Erinnerungen. Poetische Bilder wie der Sonnenunter- und -aufgang oder die Hände der zwei Schwestern, die einander so ähnlich sind, ziehen sich leitmotivisch durch den Roman. Es sind Hände, die Halt geben, die trösten und zärtlich sind.

Die britische Autorin und Schauspielerin Jessie Cave (35) wurde durch ihre Verkörperung der Lavender Brown in den Harry-Potter-Verfilmungen bekannt. Ihren ersten Roman "Sunset" widmet sie in einem sehr persönlichen Nachwort ihrem 27-jährigen Bruder Ben, der 2019 bei einem Unfall starb. Die Verarbeitung dieses Schicksalsschlages gelang der Autorin ohne Wehleidigkeit aber mit viel Empathie für ihre Figuren - ein Buch, das man am Ende gleich wider von vorne zu lesen beginnen will.

Buchtipp: Sunset. Aus dem Englischen von Eva Kemper. Atlantik. 476 Seiten, 24 Euro.

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