Es beginnt damit, dass berittene Männer – wir befinden uns ungefähr im Jahr 320 v. Chr. – die Straßen Griechenlands durchstreifen. Sie sind aber nicht auf der Suche nach Gold oder Ähnlichem, sondern nach einem noch größeren Schatz: nach Büchern. Im Auftrag ihres Königs Ptolemaios I. – Nachfolger von Alexander dem Großen und jetzt Herrscher über Ägypten – sollen sie alle Bücher, derer sie habhaft werden können, kaufen, rauben oder konfiszieren. Denn Ptolemaios I. hat eine Vision: Er träumt von der vollkommenen Bibliothek, einer Sammlung aller Werke aller Autoren seit Anbeginn der Zeit.

Mit dieser Episode beginnt Irene Vallejo ihr Prachtbuch „Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern“. Aber die Spanierin legt kein trockenes, hochwissenschaftliches Werk vor, sondern erzählt die Geschichte funkelnd, lust- und fantasievoll wie einen Roman. Von der sagenumwobenen Bibliothek in Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reichs reicht der immer wieder überraschende Erzählbogen. Zwischendurch taucht die Autorin auch in die sagenumwobenen Buch-Katakomben von Oxford ein.

Wie und wo wurde gelesen (lange Zeit laut und stehend)? Welche gesellschaftspolitische Bedeutung hatte das Buch? Was hat es zur Individualisierung der Menschen beigetragen? All diese Fragen beantwortet Vallejo mit kenntnisreicher Empathie. „Buch“ bedeutete damals übrigens eine Papyrusrolle. Der Papyrus wurde während der Lektüre mit der rechten Hand ausgerollt, mit der Linken rollte man die bereits gelesenen Textsäulen ein. Nach dem Lesen war „das Buch“ umgekehrt eingerollt. Es war ein Gebot der Höflichkeit, es für den nächsten Leser „zurückzuspulen“.

Buchtipp: Irene Vallejo. Papyrus. Die Geschichte der Welt in
Büchern. Diogenes, 746 Seiten, 28,90 Euro.

© kk