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EssayDas Burgtheater als Mixtur aus Mythen, Magie und Mär

Nächste Woche beginnt die Ära von Martin Ku(s)ej als Burgtheaterdirektor. Anlass für eine wandlungsreiche Geschichte des Hauses in fünf Akten, vom Lustspiel über die Tragödie bis zum absurden Theater.

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Steuert auf eine neue Ära zu - das Burgtheater © APA/JOE KLAMAR
 

Der erste Akt führt in das Jahr 1918, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Damals wankte auch das Burgtheater gewaltig. Einige kritische Geister, darunter Alfred Polgar, sahen darin die Chance und Notwendigkeit eines Neubeginns. Polgar, fast schon in Thomas-Bernhard’schem Furor: „Es sind, seit Jahrzehnten, immer dieselben paar Menschen, die hier Kunst behüten und Kunst machen. Es sind immer dieselben Namen und dieselben Gesichter. Es sind immer dieselben Vokabeln und derselbe Horizont und derselbe Witz und dieselbe Wichtigmacherei ... Es ist immer dieselbe verschlissene, abgebrauchte, ineinander geklammerte, in ihren ersessenen Kunstmandaten klebende, hoffnungslose Gesellschaft, wie Staub und Spinnweb in allen Fugen und Ritzen der wienerischen Kultur-Palazzi eingenistet, eingefressen.
Logische Konsequenz: Ehe das Burgtheater nicht von seinen Traditionshütern befreit, ehe es nicht gelüftet und entstaubt werde, würde sich auch jeder neue Geist weigern, einzuziehen. Verständliches Wunschdenken, aber es dauerte noch Jahrzehnte, ehe es in die Tat umgesetzt wurde.
Denn zuvor bewies der Musentempel, teils als Staats-, National- oder Bundestheater tituliert, seine fragwürdige Anpassungsfähigkeit – unter politischer Kuratel. Bis hin zu den düstersten, antisemitischen Theaterjahren der NS-Zeit. 1945 wurde das Haus bei Bombenangriffen massiv beschädigt und brannte völlig aus, zehn Jahre lang diente das Ronacher als Ersatzheimstätte. Genügend Zeit also, um über dieses finstere Kapitel den Mantel des Schweigens zu breiten.

2. Akt

Untrennbar verbunden mit dem Burgtheater sind die Begriffe Mythos und Tradition. Ab wann sie genau ihr Geltungsrecht beanspruchten, ist nicht so leicht zu beantworten. Denn eigentlich hat das Burgtheater gleich drei Geburtsdaten. 1748 wurde am Wiener Michaelerplatz das „Theater nächst der Burg“ eröffnet. Kaiser Joseph II. ließ sich von der Muse gerne küssen, aber sanft musste dies erfolgen. 1776 verwandelte er das Haus in das „Teutsche Nationaltheater“, legendär wurde sein Verdikt, sämtliche gezeigten Werke mit einem versöhnlichen Ende zu versehen. Die Anordnung ging als „Wiener Schluss“ in die Theatergeschichte ein. Dies führte zu kuriosen Eingriffen. So gab es für Romeo und Julia ebenso ein Happy End wie für den Dänenprinzen Hamlet. Der Vorsatz, dem noblen Publikum delikate, aber leicht verdauliche Bühnenkost zu bieten, regierte lange, länger sogar als Joseph II. Was nicht geglättet oder poliert wurde wie ein Stück aus dem Antiquitätenladen, fiel in der Ära Metternich den Zensoren zum Opfer.
1888 erlebte die Burg ihren dritten Geburtstag, als das pompöse „k. k. Hofburgtheater“ am Ring seine Tore öffnete. Es ist anzunehmen, dass jeder dieser drei Geburten spätestens zwei Jahre danach die Tradition und weitere drei Jahre später der Mythos folgte. „Mythos war das Burgtheater von Anfang an, mythisch zu wirken ist sein Sinn“, sprach der Dichter Hermann Bahr. Klingt gut, sagt aber wenig. Die Magie, die Anziehungskraft, die das Burgtheater einst besaß, brachte Stefan Zweig in seinem grandiosen Werk „Die Welt von gestern“ auf den Punkt. Er beschrieb den Wechsel vom 19. in das 20. Jahrhundert als das goldene Zeitalter der Sicherheit, geprägt auch durch eine nie zuvor da gewesene „Theatromanie“ der Wiener, die auch fernab der Bühne ihren Lauf nahm - in der grenzenlosen Bewunderung der Künstler. „Der Ministerpräsident, der reichste Magnat konnte in Wien durch die Straßen gehen, ohne dass sich jemand umwandte, aber einen Hofschauspieler erkannte jeder Verkäufer und jeder Fiaker.“ Von einem „fast religiösen Personenkult“ schrieb Stefan Zweig. Der Titel Burgschauspieler wurde endgültig zum Adelsprädikat, der Weg auf den vermeintlichen Theaterolymp war geebnet.
Stichwort Schauspieler: Viele Jahrzehnte lang war die Burg keine literarische Bühne. Abgesehen von den Glanzzeiten, als Hugo von Hofmannsthal, Franz Grillparzer und bald danach auch Arthur Schnitzler zu Hausautoren wurden. Aber vorwiegend bot die Burg eine prächtige Bühne in einem prunkvollen Ambiente mit glänzendem Theaterspiel. An Geld mangelte es nie, reihenweise engagiert werden konnte, was Rang, Namen und herausragende darstellerische Qualitäten hatte. Übrigens: Viele der schauspielerischen Größen kamen aus dem höheren Norden, später auch Piefkonien genannt. Glücklich ist, wer vergisst.

3. Akt

 „Am wichtigsten ist es, wenn in diesem Theater der Lappen hochgeht“, sagte Claus Peymann in einem Gespräch. Allein das Wort Lappen reichte, um seine stattliche Zahl an Gegnern in Rage zu bringen. Aber Peymann war es, der Alfred Polgars Hoffnung realisierte. Gewiss, Peymann polarisierte, er provozierte, polemisierte, er plauderte auch viel Dampf, aber er lüftete und entstaubte das Haus, er versprach lebendiges, konfliktfreudiges Theater, umgesetzt durch Stücke von Elfriede Jelinek, Peter Turrini und Peter Handke. An der Spitze aber stand Thomas Bernhard, dessen „Heldenplatz“ ja beinahe zur Staatskrise geführt hätte. Die „Vertreibung des Schuftes“ aus Wien war noch eine der nettesten Aufforderungen. Peymann war ein Bühnenberserker und Übertreibungskünstler, er führte aber auch etwas anderes vor Augen. Dieses Land besteht nicht nur aus sieben Millionen Fußball-Teamchefs, sondern ab und zu auch aus ebenso vielen Burgtheaterdirektoren.
Aber der „Piefke“ leistete sich noch eine andere Ungeheuerlichkeit. Er speckte das Ensemble gehörig ab. Akteurinnen und Akteuren, die ihre markante Stimme für Werbespots verkauften, empfahl er, doch lieber spazieren zu gehen. Wer für Kosmetika oder Waschmittel werbe, könne am Abend nicht Shakespeare spielen. Wie wahr. Auch die Doppelpräsenz vieler Burgmimen auf der Bühne und in TV-Serien und Filmen war ihm ein Dorn im Auge. Die Zeiten haben sich geändert.
Allein mit allen Filmen von Christiane Hörbiger, neuerdings in der Wir-Form auch für die ÖVP-Wahlwerbung im Einsatz, könnte der ORF wochenlang sein Abendprogramm bestreiten.

4. Akt


Immer wieder verwiesen wird auf das Burgtheater-Deutsch als Maß aller Dinge. Markante Eckdaten dazu fehlen allerdings. Fest steht, dass geraume Zeit schrilles Pathos und ungestümes Deklamieren dominierten, unterlegt in ruhigeren Phasen mit einer leicht nasalen Sprache nach Hietzinger Art. Ein Wiener Theaterbeurteiler, der sich selbst zum Großkritiker ernannte, verlangte in einer wütenden Kolumne, Gert Voss den Zutritt an die Burg zu verwehren. Begründung: seine Aussprache des Wortes Mathematik sei falsch. Der gute Mann hatte sich verrechnet, Voss wurde zum größten Publikumsliebling jüngerer Zeit.

5. Akt


Die neue Ära. Matthias Hartmann hatte Anteil am größten Finanzdebakel der Burg, Karin Bergmann, die erste Burgtheaterdirektorin überhaupt, konsolidierte das Haus weitaus rascher als erhofft. Und mit Martin Ku(s)ej beginnt ab nächster Woche ein neues Kapitel.
Er weiß, dass äußerst turbulente Zeiten auf ihn warten. Und von ihm weiß man, dass er sehr kämpferisch sein wird, im positivsten Sinne. Eine kleine Sonderregel führte er schon vor einiger Zeit ein. Wer „Burg“ sagt, muss zehn Euro Strafe zahlen. Sein Amtsantritt ist uns, strafmäßig, 70 Euro wert. Als Gegenleistung wären Aufführungen von unbezahlbarer Qualität wünschenswert. Alles dreht sich wieder um die Burg, das Spiel kann beginnen.

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