Jahrelang ist Josef Reichhold ins Fitnessstudio spaziert. Plötzlich kam er auf Rädern. Ein Arterienverschluss machte die Abnahme beider Beine nötig. Die Hoffnung, dass ein Schnitt unterhalb des Knies ausreichen würde, damit eine realistische Chance auf Prothesen besteht, zerschlug sich bald. Der verbliebene Stumpf musste auch noch weg. Erst links, dann rechts.

Bis auf eine Hüftoperation war Josef Reichhold bis dahin gesund. Kein Diabetes, nie geraucht. Warum es so weit kommen musste, blieb unklar. Vermutlich hatte es erbliche Gründe, hat man ihm gesagt. „Ich war bei einer Kontrolluntersuchung. Als der Arzt meine Fußsohle berührte, sagte er nur, dass er da unten keinen Puls fühlt und man das abklären muss. Von da an ging alles los“, erzählt der Klagenfurter. Zwei Monate später saß er im Rollstuhl.

„Nicht in ein Loch gefallen“

Vom Training kann das den heute 74-Jährigen nicht abhalten. Neun Geräte im Injoy in Klagenfurt sind für ihn auch ohne Beine zu bedienen. Montags, mittwochs und freitags schwingt er sich vom Rollstuhl ins Zirkeltraining. Ein Durchgang, dann ein Espresso, dann der zweite und wenn die Motivation besonders hoch ist geht sich auch noch eine dritte Runde aus. „Ich habe mich relativ schnell mit der Situation abgefunden. Es gibt viele, die in ein tiefes Loch gefallen sind. Bis jetzt habe ich vieles geschafft und komme gut damit zurecht. Was nicht heißt, dass es auch für mich nicht einmal anders kommt“, sagt Reichhold.

Vom Rollstuhl schwingt sich Reichhold auf die Geräte
Vom Rollstuhl schwingt sich Reichhold auf die Geräte © Traussnig

Das Training selbst ist mehr als eine Beschäftigungstherapie. Die Kraft im Oberkörper hilft im Alltag. „Das ist extrem wichtig für mich. Ich muss mich ja noch lange selbstständig ins Bett oder ins Auto hieven können“, sagt der zweifache Großvater, der auch weiß, dass die Situation nicht nur ihm, sondern auch Ehefrau Maria viel abverlangt. „Er war vorher auch ein fester Radfahrer. 1,86 groß und 83 Kilo schwer. Und er ist einfach auch ein Realist“, erzählt sie über den Mann, mit dem sie heuer den 50. Hochzeitstag feiert. „Wir zwei schaffen das miteinander“, sagen die beiden, die immer gemeinsam ins Studio kommen.

Die zusätzliche Kraft in den Oberarmen hilft im Alltag
Die zusätzliche Kraft in den Oberarmen hilft im Alltag © Traussnig

Zwar wurde das Auto so weit umgebaut, dass Josef damit fahren kann. Das selbstständige Ein- und Ausladen des Rollstuhls geht allerdings nicht ohne Hilfe von Maria, die ihn in der Tiefgarage zum Lift bringt und direkt im Injoy wieder in Empfang nimmt. Die Medikamente haben als Nebenwirkung auch das Gewicht etwas in die Höhe schnellen lassen. Daran wird jetzt gerade - neben einer Umstellung bei der Einnahme – besonders hart gearbeitet.

Emotionaler Moment für alle

Betreiber Marcel Kuster ist seit mittlerweile zehn Jahren an seiner Seite und hat alle gesundheitlichen Verschlechterungen bis hin zu den Amputationen hautnah miterlebt. „Ich habe nicht gedacht, dass er noch einmal zu uns kommen kann. Es war für alle emotional, als er dann wieder da war“, erinnert sich Kuster. Und in Sachen „innerer Schweinhund“ ist Josef Reichhold ohnehin ein Paradebeispiel. Er muss deutlich mehr überwinden als der durchschnittliche Trainingsgast. „Da kann sich jeder eine große Scheibe abschneiden. Er ist eine starke Persönlichkeit und redet gerne und offen über seine Situation. Josef ist ein Vorbild für viele“, sagt Kuster.

Schon vor der Amputation waren Reichhold und Kuster „Trainingspartner“
Schon vor der Amputation waren Reichhold und Kuster „Trainingspartner“ © Traussnig

Auch für die anderen Stammgäste im Injoy ist der Josef der gleich positive Mensch geblieben, der er vor seinen Operationen war. Dass er nach dem Training nicht mehr wie früher mit ihnen in die Sauna kann, ist für alle ein großer Wermutstropfen. „Es ist eben, wie es ist. Es gibt Schlimmeres im Leben“, behält Reichhold seine Einstellung bei. Ein kleiner Wunsch wäre da allerdings doch. Ein Handfahrrad im Studio wäre gut, um auch an der Ausdauer arbeiten zu können. „Wer weiß, vielleicht ist ja der Osterhase heuer brav“, sagt Kuster mit einem Zwinkern.