Für die einen ist es mit Blick auf das Kalenderblatt Gewissheit, die anderen hatten sie ob der Pollenbelastung schon früher: Der Frühling ist jedenfalls da. Und ob man will oder nicht – er verändert unsere Körpersprache. Und zwar nicht nur, weil kein wärmender Mantel mehr auf den Schultern liegt. „Es gibt eine Studie aus Polen, die wissenschaftlich belegt, dass wir jetzt wieder größere Schritte machen, uns schneller bewegen und auch unsere Gesten wieder größer werden“, sagt Stefan Verra, einer der weltweit führenden Experten für Körpersprache.
Das reine Beobachten des geänderten Verhaltens sind die eine Sache. Die Erklärung und vor allem die Ableitungen, mit denen man selbst profitieren könnte, ist dann konkret Verras Sache. „Gerade im Frühling hilft uns die Selbstbeobachtung: Wie war unsere Körperhaltung vor ein paar Wochen, als es noch kalt war? Wie entwickelt sie sich jetzt, wenn die Sonne unseren Hormonhaushalt verändert? Wenn man sich das anschaut, kann man für sich selbst lernen, wie man zugänglich wirkt.“ Und die Anwendungsfälle gehen ja nicht aus. Ob man flirten will oder in der Schlange an der Supermarktkasse bittet, mit nur einem Packerl Milch in der Hand überholen zu dürfen.
„Jeder ist ein Blender“
Eine Haltung - keinesfalls verwechseln mit dem englischen Mindset, hier geht es wirklich um Körperhaltung - die man sich auch im Geschäftsleben angewöhnen sollte. „Freilich kann man auch streng dreinschauen, aber das ist eine Kompetenz, die nur in Notsituationen funktionieren wird.“ Den Vorhalt, dass man so rasch zum Blender werde, sieht Verra nicht. „Seien wir uns ehrlich: Wir blenden permanent - und zwar alle. Würden wir stets unserem Ärger oder anderen Gefühlen freien Lauf lassen, täte ein Zusammenleben doch nicht funktionieren. Blenden bedeutet letztlich nichts anderes, als sich sozial korrekt einzuordnen.“
Mit einem Körpersprache-Mythos räumt Verra an der Stelle auch auf: „Es gibt keine Menschen, die in einen Raum gehen und die Atmosphäre verändern. Wenn, dann haben sie eine Wirkung, die die Leute reagieren lässt.“ Und auch hier gilt - wie in den meisten Fällen - wer sich offen und freundlich verhält, erreicht diese Wirkung eher. „Das kann man ja auch in der Selbstbeobachtung feststellen: Bleibt der Blick auf einem mürrischen Gesicht hängen, oder auf einem freundlichen?“
„Corona hat unsere Körpersprache nicht verändert“
Weil dieser Tage sich der erste Corona-Lockdown jährt, widerlegt Verra auch gleich eine weitere, von einer kleinen Gruppe, gerne behauptete These: „Nein, Corona hat unsere Körpersprache in keiner Weise verändert. Der Homo Sapiens ist 300.000 Jahre alt. Dass da ein paar Wochen grundlegend ändern sollen, wie wir aufeinander zugehen, wie wir erkennen, wer Feind oder Freund ist, das geht sich einfach nicht aus.“ Wer das Bussi-Bussi nicht mag, der kann sich seither diesen Gesten leichter entziehen, „was ja auch völlig in Ordnung ist, jeder soll so sein, wie er ist.“ Aber die Sorge, dass Kinder keine Empathie lernen würden, weil ihre Eltern im öffentlichen Raum Masken zu tragen hätten, lässt Verra nur den Kopf schütteln. „Wenn das irgendwie nur stimmt, wären alle Kinder von Intensivmedizinern seelisch gestört. So labil ist der Mensch einfach nicht gebaut.“
Stefan Verra analysiert die Körpersprache von Kärntens neuem Landeshauptmann
So leidenschaftlich Verra mit der Empirie arbeitet, in einem Punkt lässt er sich zur Vorhersage hinreißen: „Die KI wird kurzfristig neue Dinge und Trends bringen, langfristig werden aber wieder alte Methoden greifen.“ Kurzfristig werde es wohl den Trend zum Optimieren geben - und zwar in einer Form, die letztlich dazu führe, dass man nur mehr Fehler an sich selbst sehe. „Da sollte man auch einfach die kleinsten Kniffe, etwa an Bildern, vermeiden.“ Denn letztlich wirke das auch unprofessionell. „Ich halte häufig Vorträge für Unternehmen – und nur selten trifft man da eine Frau , die ihrem LinkedIn-Profil ähnlich sieht.“ Auch für die Politik erwartet er Folgewirkungen, da gäbe es jetzt schon massenhaft KI-generierte Videos. „Wenn man da bestehen will, wird man wieder Bürgerversammlungen machen müssen. Sonst dringt man nicht zu den Menschen durch, weil sich ein umfassendes Misstrauen bildet.“ Auch Schülerinnen und Schülern, denen Chatbots jetzt die Referate schreiben, wird der eigentliche Kern der Arbeit – das Präsentieren – nicht erspart bleiben. „Letztlich war da ja schon immer entscheidender, wie man präsentiert, als was man sagt.“ Und falls da noch jemand Tipps braucht, wie man denn diese Haltung einnimmt, vertrauenswürdig, sympathisch und gleichzeitig kompetent wirkt – einfach hinaus in die Sonne gehen und sich selbst beobachten.