In langen Schlangen stehen sie vor der Unterkirche der Basilika San Francesco in Assisi an, betrachten beim Warten die berühmten Fresken Giottos. Die Pilgerinnen und Pilger stammen aus aller Welt, sogar aus Papua-Neuguinea, Singapur oder Äthiopien sind Besucher da. Rund 80 Prozent sind Italiener. Einmal vor der Vitrine aus kugelsicherem Glas am Altar angekommen, halten sie für einen Moment inne. Manche bekreuzigen sich, andere berühren den gläsernen Sarg mit den Knochen des Heiligen. Manche werfen Kusshände, knien nieder oder beten. Franziskus fasziniert auch 800 Jahre nach seinem Tod.

Normalerweise ruhen die Gebeine des Heiligen Franz in einem Sarkophag in der Krypta der Unterkirche. Anlässlich des Jubiläums wurden die Überreste nun erstmals nach 800 Jahren der Öffentlichkeit gezeigt. Vergangenen Samstag brachten die Franziskaner die Reliquien in einer feierlichen Prozession in die Unterkirche, wo sie aufgebahrt sind. „Corpus Sancti Francesci“, der Körper des heiligen Franziskus, so steht es auf einer Plexiglasscheibe eingraviert.

Rund 400.000 Reservierungen wurden bereits gemacht, die einmalige Zurschaustellung der Gebeine dauert genau einen Monat bis zum 22. März. Auf der Homepage www.francescovive.org waren am Freitag noch einige wenige Slots frei. Der Todestag des Heiligen ist der 3. Oktober. Dann kommt es in Assisi zum Höhepunkt der Feierlichkeiten des „Transitus“ von Franziskus, seines Übergangs vom irdischen in das ewige Leben. „Bruder Tod“ nannte er diesen Moment in seinem spirituellen Vermächtnis, dem „cantico delle creature“ oder Sonnengesang.

Sogar ein Feiertag wurde eingeführt

Sogar die Politik hat sich zum Jahrestag des Heiligen angenommen. Italiens Parlament hat einen Feiertag zu Ehren des Heiligen neu eingeführt, am 4. Oktober ist deshalb gesetzlicher Feiertag in Italien. Bereits 1958 bis 1977 war der Tag in Italien ein Feiertag. In Italien wird der heilige Franz besonders verehrt. Francesco ist einer der häufigsten Vornamen. Seit 1939 ist Franz offizieller Hauptschutzpatron Italiens, sein „Sonnengesang“ ist eines der ältesten schriftlichen Zeugnisse der italienischen Literatur. Der Heilige, der weniger als zwei Jahre nach seinem Tod kanonisiert wurde, gilt als Wegbereiter der italienischen Schriftsprache. Seine Ideale von Armut, Frieden und Liebe zur Natur, der Verzicht auf Reichtum, um Armen zu dienen, machten ihn zum „Poverello“ (der kleine Arme).

Als erster Papst überhaupt benannte sich Papst Franziskus (2013-2025) nach ihm. Giovanni di Pietro di Bernardone, so sein ursprünglicher Name, hatte als Sohn eines reichen Tuchhändlers in Assisi erst ein ausschweifendes Leben geführt und sich nach einer Kriegserfahrung und Gefangenschaft in radikale Armut begeben, um Jesus Christus nahe zu sein. Franziskus (ca. 1181-1226) gründete den Orden der Minoriten, die als Wanderprediger unter den Ausgegrenzten lebten. Die tiefe Verbundenheit des Heiligen zur Natur inspirierte auch Papst Franziskus, der 2015 seine Umwelt- und Sozialenzyklika „Laudato Si“ nach dem Beginn des Sonnengesangs benannte. Auch bei nicht-religiösen Menschen ist der Heilige Franz wegen seiner Demut, Liebe zu Natur und Umwelt populär.

„Der Heilige Franziskus ist der größte Italiener, der jemals gelebt hat“, behauptet der bekannte italienische Journalist und Autor Aldo Cazzullo. Der Heilige sei wegen seiner Schriften der Gründer der italienischen Identität, habe mit seiner lebendigen Krippe im Ort Greccio im Jahr 1223 den Grundstein für die Kultur der Weihnachtskrippen gelegt, seine Predigten hätten den Charakter von Spektakeln gehabt. „Franziskus war der Wegbereiter des Humanismus in dem Sinn, dass jeder Mensch einen direkten Draht zu Gott hat und wir alle gleich vor Gott sind“, sagt Cazzullo. Franziskus habe Frauen wie Männer respektiert und den Tod als Geste der Großzügigkeit interpretiert. Heute sei der Sonnengesang als „Manifest der Liebe für alle Wesen“ sein bedeutendstes Erbe.