Pro: Susanne Ergott-Badawi, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer
Das heimische Gesundheitssystem war und ist eines, worum wir (noch) beneidet werden. Die mehr als 6800 österreichischen Apothekerinnen und Apotheker sind eine zentrale Versorgungssäule dieses Systems. Jeden Tag beraten wir persönlich bis zu 500.000 Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Diese Kontakte gilt es nicht nur für Beratungen – etwa bei der Polymedikation – zu nutzen, sondern auch für andere, wichtige gesundheitspolitische Dienstleistungen. Denn immer öfter werden Risse im Gesundheitssystem sichtbar, die bei Patientinnen und Patienten einen fahlen Beigeschmack hinterlassen.
Apothekerinnen und Apotheker gehören zu den am besten ausgebildeten Gesundheitsspezialisten in Österreich und nehmen sich ohne lange Wartezeiten oder mühsamer Terminvereinbarungen Zeit für die Menschen. Ihre Expertise wird rund um die Uhr geschätzt: Sie sind es, die etwa bei akutem Medikamentenmangel nach individuellen Alternativen suchen, um die Bevölkerung zu versorgen.
Die Apothekengesetz-Novelle schafft die Voraussetzung für eine noch umfassendere gesundheitliche Versorgung und Beratung der Bevölkerung und stärkt die Bedeutung der Apothekerinnen und Apotheker als niederschwellig zugängliche Gesundheitsdienstleister. Die Erweiterung der Kompetenzen ist ein logischer Schritt und ein großer Gewinn für die wohnortnahe Versorgung – gerade am Land. Dadurch wird der niedergelassene medizinische Bereich gezielt entlastet und die öffentliche Gesundheitsversorgung nachhaltig gestärkt. Je früher eine Krankheit erkannt wird, desto weniger wird das Gesundheitssystem belastet.
Natürlich ist auch das Impfen von Erwachsenen in Apotheken ein Thema. Gerade das hätte große gesundheitspolitische Auswirkungen. Die Durchimpfungsraten in Österreich sind bescheiden und Vorreiter-Länder auf der ganzen Welt zeigen, dass diese durch ein Impfangebot in Apotheken deutlich erhöht werden können. Die entsprechende Ausbildung nach internationalem Vorbild wurde von rund 2000 Apothekerinnen und Apothekern erfolgreich abgeschlossen. Die Politik hat uns in der Pandemie aufgefordert, uns auf das Impfen vorzubereiten. Wir sind bereit. Es fehlt nur noch der politische Startschuss.
Für die Verbesserung unseres Gesundheitssystems ist es wichtig, dass wir beginnen, die gesunden Lebensjahre der Menschen mithilfe einfacher und niederschwelliger Maßnahmen zu fördern. Es ist höchste Zeit, dass wir die Arztlastigkeit in unserem Gesundheitssystem mit überlegten Maßnahmen in einigen Bereichen reduzieren, um die Ärztinnen und Ärzte zu entlasten und die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Die wohnortnahe Apotheke ums Eck ist für diese Aufgaben bestens geeignet.
Kontra: Johann Steinhart, Präsdident der Österreichischen Ärztekammer
Service und Beratung von Kunden sowie die Medikamentenversorgung gehören zu den Kernaufgaben von Apothekern. Verlängerte Öffnungszeiten, wie sie geplant sind, sind aus dem Servicegedanken heraus klar zu begrüßen. Anders ist es im Bereich des Impfens: Das ist ganz klar eine ärztliche Tätigkeit, die ein Impfgespräch inkludiert.
Mit der Novelle des Apothekengesetzes erhalten Pharmazeuten Kompetenzen, die aus ärztlicher Sicht viele Fragen aufwerfen und zu keiner Verbesserung der Gesundheitsversorgung führen. Laut diesem Entwurf sollen sie Medikationsanalysen und einfache Gesundheitstests wie zum Beispiel Blutdruck- oder Blutzuckermessungen, aber auch Analysen von Harnproben und anderen körpereigenen Stoffen sowie Venenmessungen durchführen. Zudem soll die Einrichtung von ausgelagerten Abgabestellen und Filialapotheken erleichtert werden.
Die Durchführung von Gesundheitstests durch nicht ärztliches Personal stellt eine Verschlechterung in der Patientenversorgung dar. Welche Konsequenzen werden aus den Testergebnissen gezogen, wie erfolgt die Beratung und das weitere Prozedere? Was ist mit der Dokumentation, dem Datenschutz und der Qualitätskontrolle, wie wir sie in den Ordinationen haben? Es stellt sich angesichts der kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen beim Vertrauensarzt – ein Angebot, das von der Bevölkerung noch viel stärker in Anspruch genommen werden sollte – die Frage, inwiefern diese kleinen Gesundheitstests in den Apotheken einen Mehrwert bieten sollen.
Die geplante Novelle führt jedenfalls zu keiner Entlastung des niedergelassenen Bereichs, wie es die Politik behauptet. Weder vom medizinischen noch vom gesundheitspolitischen Standpunkt her ist diese Novelle aus unserer Sicht nachvollziehbar. Durch die erweiterten Möglichkeiten von Filialapotheken wird es gerade im ländlichen Raum zu einer Verschärfung des Kassenärztemangels kommen. Denn das Risiko ist nun, dass vielerorts „Apotheken light“ öffnen werden, wodurch ärztliche Hausapotheken im Umkreis geschlossen werden müssten oder gar keine entstehen könnten. Und wenn ärztliche Hausapotheken den wirtschaftlichen Interessen der öffentlichen Apotheken weichen müssen, dann lassen sich auch die Kassenstellen nicht mehr nachbesetzen.
Sowohl die Bundeswettbewerbsbehörde als auch eine aktuelle Studie sind zu dem Schluss gekommen, dass die Medikamentenabgabe beim Arzt eine wesentliche Rolle bei der Besetzung von offenen Kassenstellen spielt. Es wäre an der Zeit, anhand dieser Fakten zu handeln und die ärztliche Versorgung zu unterstützen, anstatt diese zu erodieren.