Besonders an Letzteren wird „die Verletzung des Materials sowie die Radikalität und Intensität sichtbar, mit der Brus diese bearbeitet hat. Teilweise mit Flaschenöffnern, Scheren oder Kronkorken,“ so Kurator Roman Grabner bei der Eröffnung. Die in schwarz gehaltene Ausstellung – die dunkel gestrichenen Wände referieren auf die Druckerschwärze – zeigt auch „Brus’ Weg vom Aktionskünstler zum Bild-Dichter und vereint Werke aus der eigenen Sammlung sowie viele bedeutende Leihgaben,“ freute sich der Leiter der Neuen Galerie Graz, Peter Peer.

Günter Brus als „Kupfermörder“

Gerade seine Kaltnadelradierungen spiegeln die körperliche Anstrengung und den enormen Kraftaufwand wider, der ihrer Entstehung zugrunde liegt. Brus hat die Metallplatten mit Stahlnadeln, Taschenmessern, Scheren, Drahtbürsten, Bohrern und einem Elektrofräser bearbeitet, ja richtiggehend attackiert. Er spricht von sich selbst als „Kupfermörder“. Brus arbeitet ohne Skizzen oder Vorzeichnungen direkt in die Platte und knüpft damit an die „direkte Kunst“ seit den frühen Aktionen an. Auch wenn er mitunter auf Bilder der Kunstgeschichte referiert oder an eigenen Werken Maß nimmt, ist die einzige grundlegende Zeichnung, die existiert, jene, die in die Metallplatten geritzt, gekratzt und gestochen wird. Zeichnungen auf weißen Wänden sind den Druckplatten in Vitrinen und den Drucken auf schwarzen Wänden gegenübergestellt.

Von ersten Matrizendrucken hin zu Siebdrucken

Ausstellungsansicht "Erdruckt und erstochen"
Ausstellungsansicht "Erdruckt und erstochen" © Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Die Ausstellung beginnt mit den ersten Matrizendrucken, die Brus 1966 im Rahmen des von ihm und Muehl gegründeten Instituts für direkte Kunst anfertigt. Die Matrize erlaubt ihm zwar nur eine Auflage von maximal 40 Stück, da die Farbsättigung mit jedem Abzug abnimmt, aber er erreicht mit seiner Kunst das erste Mal eine Öffentlichkeit jenseits des kleinen Zirkels an Eingeweihten. Im selben Jahr, in dem er beginnt, Matrizendrucke zu produzieren und damit eine Öffentlichkeit für seine Aktionen mitzudenken, verändert sich auch die Ausrichtung seiner Aktionen. Im Herbst 1967 entwickelt er das Konzept der Körperanalyse, bei dem er auf jedes künstlerische Material verzichtet und ausschließlich mit seinem Körper und dessen Funktionen arbeitet. Mit seinen Aktionen Der Staatsbürger Günter Brus betrachtet seinen Körper und Kunst und Revolution zeigt er nicht nur zum ersten Mal seine Körperanalysen in Österreich, sondern fertigt parallel dazu für die Plakate auch seine ersten Siebdrucke an.

Tiefdruckverfahren und Schwarze Romantik

1971 entsteht seine erste Kaltnadelradierung und kurz darauf die Serie Die Botschaft, deren Blätter in Inhalt, Stil und Stoßrichtung den Irrwisch-Zeichnungen verwandt sind und von einer „recht spitzbübischen Freude an der Blasphemie“ gekennzeichnet sind. Die intensive Beschäftigung mit den unterschiedlichen Techniken des Tiefdruckverfahrens setzt allerdings erst mit den 1980er-Jahren ein. Inhaltlich setzt sich Brus in dieser Zeit intensiv mit der Literatur und bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts auseinander, und hier vor allem mit jener Tendenz, die als Schwarze Romantik bezeichnet wird. Die achtteilige Bild-Dichtung Nachtquartett ist eine der zentralen Arbeiten dieser Zeit.

Ein Streifzug durch 50 Jahre Brus’sches Schaffe

Ausstellungsansicht "Erdruckt und erstochen"
Ausstellungsansicht "Erdruckt und erstochen" © Universalmuseum Joanneum/N. Lackner