Unheimlich ist er vor allem früh am Morgen. Wenn es noch ein bissl dunkel ist und man selbst mit einem Bein im Tiefschlaf feststeckt, dann funkeln seine roten Augen besonders hell. Seine Position – über allem erhaben, rechts hoch oben am Küchenkastl stehend, wie ein kleiner Feldherr, der sein Reich überwacht. Und so leicht vom Schlaf benebelt hofft man, dass er weiß, wer ihn vor Jahren in einem Puppentheater in Yogyakarta aus der Ramschkiste gefischt hat. Natürlich besteht die Hoffnung, dass sich das Böse selbst in Schach hält: Neben dem kleinen Feldherrn steht eine äthiopische Kaffeekanne mit zwei Ausgüssen – einer für den Kaffee, einer für den Teufel. Wenn alles nix hilft und irgendwann frühmorgens die Hölle losbrechen sollte, kann man sich immer noch den eineinhalb Meter langen Massai-Speer schnappen, der in einer anderen Ecke lehnt, und in die Küchenschlacht ziehen. Wenn es heller wird und sich die Schatten verzogen haben, bleibt eh nur eine Frage übrig: Warum um alles in der Welt schleppt man all das Zeug aus dem Urlaub mit nach Hause?
Bill Ramsey hat damit einen Hit gelandet (“Souvenir, Souvenirs. Kauft ihr Leute, kauft sie ein“) und vom Wirtschaftsmotor Tourismus wollen wir gleich gar nicht reden. Autor Roger Willemsen konnte aus dem Reisen an sich viel Kluges und Tiefsinniges extrahieren: „Wir bereisen, indem wir plötzlich existenziellen Kategorien gegenüberstehen, die wir zu Hause nicht vorwegnehmen konnten. Wir bereisen plötzlich unsere eigenen Konjunktive – wer könnte ich sein, wer hätte ich sein können, wer wäre ich gewesen? Die Form der Selbstverwandlung ist es, die das Reisen anbietet.“ Legt man das um auf das Zeug, das sich allein bei mir in der Küche stapelt, bleiben theoretisch zwei unerfüllte Daseinsformen übrig: Wäre ich gerne Barista oder doch lieber Feldherrin?
Im Mittelalter war das Pilgerabzeichen noch ein Souvenir, das den Nimbus von Gefahr, Abenteuer und Tapferkeit in sich trug. Das ist heute nicht mehr ganz so dramatisch, außer, man legt sich mit einem Hai oder fragwürdigen Miethaien an. Aber das Bedürfnis, einen Teil eines Ortes, die Erinnerung daran, mit nach Hause zu nehmen, ist irgendwie seltsam anrührend. Bleiben kann man nicht, dafür nimmt man was mit. Daraus ergibt sich im Leben eine Art Wunderkammer aus Nähe und Ferne, Tand, Wertvollem und Wunderlichem. Nicht zu vergessen, alles, was man mitgeschleppt hat, erzählt nicht nur von einem Ort, sondern auch von einer emotionalen Zustandsbeschreibung – von Spontankäufen, von Verzweiflungskäufen, von Beifängen, von echten Investitionen, von glückseligem Habenwollen und von Käufen, die von der heiligen Urlaubstrias berührt wurden: Sonne, Meer und zu viel Alkohol.
Letzteres empfiehlt sich definitiv nicht, wenn das Souvenir als Mitbringsel für die Daheimgebliebenen bestimmt ist. Es sollen schon Freundschaften an Plastikpyramiden, Bierflaschenhaltern, Motto-Shirts und überdimensionierten Muschelketten zerbrochen sein. Das Drama wird nicht unbedingt am ökonomischen Wert des Mitgebrachten gemessen, sondern an der dem Souvenir innewohnenden Antwort auf die Frage: Was bin ich dir wert? Das ist schon heftig, oder? Aber lassen Sie sich bloß nicht im Urlaub unter Druck setzen, die Enttäuschung kommt eh erst, wenn man wieder daheim ist. Schade ist übrigens, dass viele Souvenirs einfach dem Zeitgeist und dem technischen Fortschritt zum Opfer fallen. Oder haben Sie schon mal versucht, eine venezianische Plastikgondel auf einen Flachbildfernseher zu stellen? Eben.
Schönen Urlaub, kaufen Sie, was Sie garantiert nicht brauchen, und bitte, bringen Sie mir auf keinen Fall etwas mit.
Susanne Rakowitz