Warum er seine mühsam zusammengesparte private Pensionsvorsorge voll versteuern müsse, wollte gleich der erste Fragesteller vom Kanzler wissen. Der zweite war empört, dass sein 35-jähriger Nachbar auf Dauer 1.500 Euro Notstandshilfe aufs Konto bekomme. Und überhaupt die Sache mit der viel zu hohen Mindestsicherung für Menschen, die erst kurz in Österreich leben würden und selbst noch keinen Beitrag geleistet hätten.
Sagen wir so: Bestellte Fragen schauen anders aus und ein Saal voller eingefleischter ÖVP-Fans hätte ihrem Kanzler zumindest die eine oder andere bohrende Thema erspart, etwa wann denn dieses „Leistung muss sich lohnen“ endlich komme. Aber insgesamt war die Stimmung zum Auftakt von Stockers Sommertour durch die Republik unter dem Motto „Österreich im Gespräch“ besser als es die Umfragen für die Dreierkoalition im Allgemeinen und die ÖVP im Besonderen erwarten ließen – und erheblich konstruktiver. Zudem hatte Stocker erklärt, er mache „das ohne Netz und mit hohem Risiko“. Aber erstens liegt Tulln immer noch inmitten des schwarzen Kernlands Niederösterreich. Und zweitens war da ja noch ORF-Talkerin Vera Russwurm, die als Moderatorin überaus Kanzler-affin durch die Veranstaltung mit 200 Bürgerinnen und Bürger führte. Diese mussten sich zuvor anmelden und wurden dann vom Meinungsforscher Peter Hajek nach halbwegs repräsentativen Kriterien ausgewählt.
Was die Menschen erwarten
Dass die Tour das Kanzleramt und nicht die ÖVP organisierte und finanzierte, stieß nicht nur der FPÖ sauer auf. Stocker rechtfertigte sich kurz vor dem Auftritt vor Journalisten damit, dass er eben „keine bestellten Leute und keine solchen Fragen“, sondern die Politik der Dreierkoalition erklären wolle. Dass auch SPÖ und Neos mit dabei sein könnten, sei im Vorfeld intern diskutiert worden, aber letztlich an sommerlichen Terminproblemen gescheitert. Aber vielleicht klappe ein Pas de trois ja nächstes Jahr.
So oder so: Die meisten Fragen machten dem Kanzler – und dem ÖVP-Obmann! – deutlich, was sich wohl eine Mehrheit seiner potenziellen mittigen bis rechten Wählerinnen und Wähler von ihm erwartet: die Umsetzung all jener Slogans, welche die Volkspartei seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten predigt, vor allem die steuerliche Entlastung des leistungsorientierten Mittelstands, Kürzungen bei einem als überschießend empfundenen Sozialstaat und das Aus für Zuwanderung über das Asylwesen; aber auch eine faire Reform des Pensions- und Gesundheitssystems, die Anerkennung erfolgreicher Integration, ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalt an Frauen, und überhaupt die Schaffung eines lebenswerten und kinderfreundlichen Österreichs.
Stocker ließ die Dreierkoalition nicht hängen
Stocker nahm manchen Ball dankbar auf, bei Kritik argumentierte er mit Reformen, die bereits umgesetzt oder am Weg seien. Und immer wieder kam er darauf zu sprechen, dass es für die großen Probleme, anders als andere behaupten, einfach keine einfachen Lösungen gebe, die Dreierkoalition aber, versprochen, ihr Bestes gebe. Sein Ziel sei es zu beweisen, „dass wir keine Dritte Republik brauchen, sondern eine bessere Zweite Republik“. Womit auch FPÖ-Chef Herbert Kickl zu seinem indirekten Auftritt bekam.
Nach zwei Stunden war dann Schluss mit der Fragerunde und es gab Gelegenheit, den Kanzler auch persönlich zu erleben. Die beste Nachricht für Stocker lief da gerade über die Agentur: Vorvorvorgänger Sebastian Kurz meldete sich via Facebook, dementierte alle Meldungen über ein Comeback. Seine Heimat bleibe die ÖVP, aber die Zeit in der Politik sei vorbei. Besser hätte dieser Donnerstag kaum laufen können.