APA: Wenn am 17. Juli die ersten Töne der Ouverture spirituelle erklingen werden, beginnt auch eine ganz besondere Festspielsaison. Wie fühlt es sich für Sie an, in diese Saison ohne Markus Hinterhäuser zu gehen?
Axel Hiller: Es ist schade, die Erlebnisse der nächsten Wochen nicht mit ihm teilen zu können, da wir uns das Konzertprogramm in monatelanger Arbeit gemeinsam ausgedacht haben. Ich freue mich aber darauf, dass die Festspiele in den nächsten Tagen beginnen und bin sicher, dass wir mit Karin Bergmann und dem ganzen Team alles gut umsetzen werden.
APA: Mit dem ersten Konzert, in dem "Lieder der Schwermut und der Trauer" erklingen, aber auch eine Miserere-Vertonung von Arvo Pärt, ist das Generalthema der diesjährigen Ouverture spirituelle angeschlagen. Schuld und Erbarmen - das klingt nicht sehr erbaulich. Welche guten musikalischen Gründe gibt es, sich dem "auszusetzen"?
Hiller: Im christlichen Glauben gibt es eine Antwort auf die Bitte um Erbarmen, nämlich die Auferstehung. Mit Mahlers 2. Symphonie, der "Auferstehungssymphonie" mit den Wiener Philharmonikern unter Gustavo Dudamel, beschließen wir die Ouverture spirituelle und gehen in den Hauptteil der Festspiele in diesem Sommer über. Ein versöhnlicher Endpunkt, der zugleich einen Neuanfang darstellt.
Natürlich werden einige der kunstvollsten Vertonungen des Bußpsalms "Miserere Mei Deus" aus verschiedenen Jahrhunderten in der Ouverture zu hören sein. Desprez, Allegri, Mozart, Pärt, Klaus Huber, das sind sehr unterschiedliche, und für ihre Entstehungszeit bedeutende Stücke, die einen großen Bogen spannen. Es fasziniert, wie unterschiedlich und vielschichtig mit dem liturgischen Text umgegangen wird. Huber beispielsweise erweitert diesen um Texte von Philosophen und Dichtern und eröffnet damit neue Bedeutungsebenen. Ein zweiter Bußpsalm "De Profundis" - "Aus der Tiefe" - wird ebenfalls eine Rolle spielen.
Die Ouverture spirituelle ist aber natürlich keine Aneinanderreihung von Psalmenvertonungen, die Thematik ist weiter gefasst. In Pascal Dusapins "Passion" werden beispielsweise verschiedene Stationen einer Beziehung zweier Menschen verhandelt. Wie kommt man überhaupt in die Situation, um Erbarmen zu flehen, wie ist die Geschichte bis dorthin verlaufen? "Les Adieux" ist eine Konzeptarbeit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, in der sie die Schuld der Menschheit gegenüber unseres Planeten musikalisch thematisiert. Es ist ein Ausdruck tiefer Trauer, ein musikalischer Abschied. Es erschien uns hier wichtig, ganz unterschiedliche Perspektiven zu wählen.
APA: György Kurtág werden wir im Musikprogramm der diesjährigen Festspiele immer wieder begegnen. Ein paar Worte zu ihm und der Hommage an ihn?
Hiller: György Kurtág nimmt in der jüngeren Musikgeschichte, auch auf Grund seiner Biografie, eine singuläre Position ein, er hat eine ganz eigene Tonsprache entwickelt. Häufig ist seine Musik zart, dann wieder unglaublich intensiv und verdichtet. Mich fasziniert die Einfachheit vieler seiner Stücke. Da ist kein Ton zu viel, jede Note ist bewusst gesetzt, aber die Essenz ist da - es ist alles gesagt. Davon geht eine ungemein poetische Kraft aus. Diese Musik wird bleiben.
Er ist stark von Beethoven und Bartók geprägt, Schubert hat ihn überhaupt erst zum Komponieren gebracht, die zweite Wiener Schule spielt eine große Rolle. Bei der Kürze vieler Werke denkt man zurecht an Webern, und Ligeti war ein enger Freund Kurtágs. Wir konnten in den Programmen viele Bezüge herstellen.
Sehr spannend ist die bemerkenswert große Anzahl an Musiker:innen, die seine Stücke gerne interpretiert, obwohl viele davon sonst nicht mit neuer Musik in Verbindung gebracht werden. Das haben wir auch in der Planung erlebt. Gefühlt hätten wir den ganzen Sommer Kurtág ansetzen können - das wäre etwas zu viel geworden, spricht aber für die enorme Anziehungskraft und Tiefe seiner Musik.
Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit Kurtág wird in zwei Konzerten in der Kollegienkirche am 30. Juli und 1. August möglich sein. Dieser atmosphärisch so besondere Spielort ist die ideale Umgebung für seine Musik, die oft mit verschiedenen Positionen im Raum jongliert. Der sakrale Raum wird seiner Musik noch viel mehr Plastizität verleihen. Darauf freue ich mich ganz besonders.
APA: Wie weit werden die "Visions de Messiaen" die Oper "Saint François d'Assise" ergänzen und vertiefen können?
Hiller: Wir haben vier Nachtkonzerte auf dem Spielplan. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wäre in diesem Kontext vermessen. Trotzdem wird es möglich, verschiedene Facetten von Messiaens Schaffen zu erleben. Das "Quatuor pour la fin du temps", das er im Arbeitslager komponiert und mit anderen Gefangenen aufgeführt hat, ist ergreifend. Es freut mich, dass Olivier Latry, der die renommierte Stelle des Titularorganisten in der Kathedrale Notre-Dame de Paris innehat - er ist so etwas wie der "Großmeister der Orgel" - erstmals in Salzburg zu erleben sein wird. Messiaen, der selbst sein Leben lang als Organist tätig war, hat für "sein" Instrument einen besonders umfangreichen und farbenreichen Werkkatalog hinterlassen. Passenderweise findet dieses Konzert in der Franziskanerkirche statt, die erstmals Spielstätte der Salzburger Festspiele ist - kein Zufall, ist sie doch die Heimat des Franziskanerordens.
APA: Mit dem Porträt Verunelli scheinen die Festspiele heuer etwas Neues zu beginnen. Was ist das - und warum wurde zum Auftakt Francesca Verunelli ausgewählt?
Hiller: Es gibt andere Orte als Salzburg, wo der Schwerpunkt auf der neusten Musik liegt. Donaueschingen und Wien Modern sind zwei Beispiele für die wichtige Pionierarbeit. Diese Rolle können wir nicht übernehmen. Sehr wohl können wir jedoch Komponist:innen der jüngeren Generation, die dem Expertenpublikum bereits bekannt sind, einem breiteren Publikum vorstellen. Es ist schön, hier einen Beitrag zu leisten, aktuellen Künstlerinnen ein Stück weit in den Kanon zu verhelfen. Dafür sind Zweit- und Dritt-Aufführungen oft wichtiger, als Uraufführungen.
Francesca Verunelli ist eine der spannendsten Komponistinnen ihrer Generation. Man könnte die vielfach ausgezeichnete Italienerin auch als Klangforscherin beschreiben. Das erste Programm ist eine Auseinandersetzung mit Mikrotonalität: Was passiert, wenn man die Oktave nicht in zwölf Halbtöne, sondern in mehr als zwölf Stufen aufteilt? Francesca Verunelli stellt hier ihre Komposition "Vicentino Oo I" Stücken der Renaissance gegenüber, die mit demselben Phänomen spielen. Sie greift einen alten Gedanken auf und erzielt damit erstaunliche neue Klänge.
Im zweiten Programm wird "La Nuda Voce", Die nackte Stimme, aufgeführt. Francesca Verunelli beschäftigt sich in diesem Zyklus mit der menschlichen Stimme, genauer gesagt mit jenem Moment, in dem aus der physischen Vibration der Stimmbänder Gesang wird. Diesen Moment betrachtet sie in Zeitlupe. Ich kann nur jede und jeden dazu ermuntern, neugierig zu sein und mit offenen Ohren zu diesen beiden Konzerten in die Stiftung Mozarteum zu kommen.
APA: Eine Frage, die Karin Bergmann immer wieder gestellt bekam, kann ich dem Musikchef auch nicht ersparen: Sind Sie zuversichtlich, dass die beiden Konzerte mit Markus Hinterhäuser wie geplant stattfinden können?
Hiller: Ja, das bin ich.
(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA per Mail)