Der erste Reflex im Jänner 2025 war bei vielen wohl: Echt jetzt? Eine Neuauflage von „Unsere kleine Farm“ („Little House on the Prairie“)? 204 Folgen drehten sich von 1974 bis Ende 1983 um die Familie Ingalls, die in einem Holzhaus irgendwo im Nirgendwo den Neuanfang probt. In dem Mikrokosmos wird alles verhandelt, was sich im späten 19. Jahrhundert in einer kleinen Ortschaft in Kansas verdichtet: das Überleben als Farmer, die brutale Schönheit der Prärie, die Leben und Tod gleichzeitig ist, die Fragilität einer kleinen Gemeinschaft, die Entbehrungen der Familie und der Glaube als Allheilmittel, der als Pflaster, Abschreckung und Einhegung fungiert und funktioniert.
Ein Narrativ, das die Trump-Administration begeistert
Grundlage der Serie waren die autobiografischen Erzählungen von Laura Ingalls Wilder, an die die Serie zumindest angelehnt war. Michael Landon, der schon als Little Joe Cartwright in „Bonanza“ Prärie-Luft geschnuppert hat, schlüpfte in die Rolle des Familienoberhauptes Charles Ingalls. Aufopfernd, immer freundlich, tiefgläubig, ein Familienmensch durch und durch. Ganz aus der Zeit gefallen ist eine Neuauflage nicht, denn Charles Ingalls und die Erzählung rund um die kleine Farm fügen sich perfekt in die konservative Erzählung von der Eroberung des Wilden Westens ein. Ein Narrativ, das nicht nur die Trump-Administration begeistert. Hier drinnen liegt viel von dem, was sich das wertkonservative Amerika in die DNA packt: Die Eroberung und Unterwerfung der Natur und die dazugehörige Cowboy-Mentalität – die Liste könnte man noch länger fortsetzen und würde bei der aktuellen Tradwife-Welle kurz zum Stehen kommen.
In der achtteiligen Netflix-Serie dauert die Romantik nur ein paar Augenblicke, bis Laura Ingalls (Alice Halsey) mit der Steinschleuder einem Hasen den Garaus macht. Showrunnerin Rebecca Sonnenshine macht die Entbehrungen, die kleinen und großen Dramen zum Grundsound ihrer Serie. Und ja, auch hier hält die „Wokeness“ Einzug, die konservative Kreise schon in Schnappatmung versetzt – der afroamerikanische Arzt, die Französin, die Hosen und Colt trägt. Womit sie sparsam umgeht, sind sämtliche Formen von Heldenerzählungen, hier sind sie alle ramponiert, die einen mehr, die anderen weniger. Psychologisch tiefgeschürft wird zwar bei keinem der Charaktere, aber die Wunden, die dürfen offenbleiben, dahinschwelen.
Familien-Beschwörungen in Dauerschleife
Nicht zu kurz kommt hier die Beschwörung der Familieneinheit, die man schon vom Original kennt, bei dem allerdings bereits Michael Landon diesen Charles Ingalls als Softie unter den Raubeinen gespielt hat. Die Ingalls sind jedoch auch hier einen Tick moderner und aufgeschlossener. Wer um die Harmonie der Ingalls-Familie, die „Wir haben doch immer noch uns“-Beschwörungen in Dauerschleife fürchtet, der kann aufatmen – alles mit dabei.
Was die Neuauflage jedoch vor allem thematisiert und sie so mit einer politischen Botschaft auflädt, ist der Fokus auf die Situation der Osage, auf deren Territorium sich die Siedler breitmachen. Es ist eine Geschichte, die in der Beschwörung des Cowboy-Mythos bekanntlich ungern Thema ist. Popularkultur ist für gewöhnlich nicht der beste Ersatz für eine Geschichtsstunde, aber zur Not tut es auch das. Eine wirkliche Entdeckung ist die elfjährige Alice Halsey als Laura Ingalls, die sich mit einer Bandbreite durch die Serie spielt, die beeindruckend ist. Dieser altmodischen Rolle eines „Wildfangs“ bietet sie eindrucksvoll die Stirn und macht ihr ganz eigenes Ding daraus.
Bewertung: ●●●○○
„Unsere kleine Farm“ auf Netflix.