Das mit Maria Laach hat die Republik eher nicht mitbekommen. Angela Merkel im Kloster, naja … Passt irgendwie zur Altkanzlerin, die ja vor fast exakt 72 Jahren als Pastorentochter zur Welt kam. Dass die Abtei den katholischen Benediktinern gehört, dass Merkel auch eine Mutter hatte, Lehrerin für Latein und Englisch – egal. Seit die promovierte Physikerin auf der politischen Bühne Deutschlands erschien, wurde und wird in sie hineininterpretiert und aus ihr herausgelesen, was irgend geht.

Das hat auch damit zu tun, dass Merkel dem Publikum – mag es professionell oder privat auf sie blicken – seit je nur ein Bild von sich zeigt. Vor ihrer großen Karriere – um sie zu machen. Und dann, als sie Kanzlerin geworden war und blieb, 16 Jahre lang – um sich zu schützen vor all der Neugierde mit dem einen Ziel: herauszufinden, wer sie denn wirklich sei. Wirklich in Großbuchstaben und fett.

Viel Aufsehen um ihr Porträt

Ende Juni nun hat Merkel sich selbst enthüllt – als Bild. Ihr Porträt für die Kanzlergalerie im Kanzleramt. Großes Event im Berliner Bode-Museum; Merkel wohnt gleich gegenüber. Deutschlands Medien überschlagen sich. „Als würde sie ,Wir schaffen das sagen‘“, titelt der Berliner „Tagesspiegel“, „Wie ein Maler aus Freiburg mit Porträt von Angela Merkel Geschichte malt“, verrät der SWR. „Monopol“, das „Magazin für Kunst und Leben“, erklärt, „Warum Merkels Porträt so harmlos geraten ist“ – und die „Zeit“ gönnt sich und der Altkanzlerin eine große Titelgeschichte. Für den Artikel „Das neue Bild der Angela Merkel“ braucht man zum Lesen laut Redaktion mehr als eine halbe Stunde. Im Ernst.

Erst kürzlich enthüllt: das Porträt der Kanzlerin.
Erst kürzlich enthüllt: das Porträt der Kanzlerin. © IMAGO/Christian Ditsch

Und das alles gilt derselben Frau, von der Deutschland im Herbst vor fünf Jahren wirklich genug hatte. Noch mal Großbuchstaben und fett.

Angela Merkel tat, was kein Vorgänger über sich brachte – und auch ihr Nachfolger nicht. Sie schied selbstbestimmt aus dem Amt. Trat einfach nicht mehr an. Ohne die Flüchtlingskrise ab Herbst 2015 hätte sie sich wohl schon zur Bundestagswahl 2017 aus der Politik verabschiedet. In ihren Ende 2024 erschienenen Memoiren schreibt Merkel, sie habe aber jene nicht „enttäuschen“ wollen, die sie in ihrer Flüchtlingspolitik „unterstützt und ihr Vertrauen entgegengebracht hatten“. Wiewohl sie gewusst habe: „dass der Kredit, in außergewöhnlichen Situationen außergewöhnlich zu entscheiden … aufgebraucht war.“

Jugendliche Fans

Ein knappes Jahrzehnt nach dem Wahlkampf, in dem sie beschimpft und ausgepfiffen wurde, ist alles anders. Merkels Erinnerungen „Freiheit“ sind der Bestseller im Genre, ihre Lesungen fast immer ausverkauft. Ende 2025 ermittelten die Online-Meinungsforscher von Civey: Die treuesten Fans der Altkanzlerin sind nicht etwa die Boomer, also ihre Generation. Am meisten fahren die Jungen auf Merkel ab, die Generation zwischen 18 und 29.

Wer das für überraschend hält, kann nicht rechnen: Wer heute 29 ist, war bei Merkels Amtsantritt acht. Und wie die um 1980 Geborenen „Bundeskanzlerhelmutkohl“ für ein einziges Wort hielten – glaubte das die Generation Z für „Bundeskanzlerinangelamerkel“.

Nur logisch, dass die Comedienne Hazel Brugger, Jahrgang 1993, Merkels Sidekick bei der Präsentation der Memoiren ist. Und der Maler des Kanzlerinporträts, Jérémie Queyras, 28 Jahre jung. „Sie war ja immer da“, hat Queyras der „Zeit“ gesagt. Vielleicht ist die Gen Z in Wahrheit eine Generation Merkel. Die zwar hadert mit den Verunsicherungen und Zumutungen der 2020er-Jahre – nicht aber mit der Politikerin, die für vieles davon die Verantwortung trägt.

 Unvergessen: Merkels typische Pose, die Merkel-Raute
Unvergessen: Merkels typische Pose, die Merkel-Raute © IMAGO

Wer will, kann das für naiv halten. Oder – wie schon wieder die „Zeit“ – eine „Merkelmania“ diagnostizieren. Was schamlos übertrieben ist, erst recht für eine Wochenzeitung mit Seriositätsanspruch.

Wahr ist allerdings: Mit Friedrich Merz als realamtierendem Maßstab muss die Altkanzlerin zur Lichtgestalt mutieren, ob sie will oder nicht. Der Glanz der Außerdienstlichen kann den Problemhaufen, den sie hinterlassen hat, in tiefen Schatten setzen. Für einen Moment. Dann aber leuchtet das Unerledigte wieder grell und giftig: von Klimawandel und Energieabhängigkeit über die Zuwanderung und die vernachlässigte Bundeswehr bis zur verrotteten Infrastruktur und zum reformbedürftigen Sozialsystem.

„Nur noch Wohlfühltermine“ hatte sich Merkel für den Ruhestand vorgenommen. In Maria Laach hat sie sich, als Fastenpredigerin in voller Basilika, gefragt, ob sie in Sachen Klima als Kanzlerin ihrer Verantwortung gerecht geworden sei. Und geantwortet: „Es war nicht genug.“ Das zuzugeben, hebt sie ab von Scholz und Schröder und Kohl. Indes: Sie wusste es auch als Kanzlerin schon. Nur haben – oder wollen – die Merkel-Sehnsüchtigen das vergessen.