Fünf Wochen lang wird Wien ab 9. Juli wieder zum internationalen Hotspot für Tanz, Performance, Workshops, Public-Space-Moves und Partys. Waren vor vier Jahrzehnten noch vorwiegend Kompanien aus Mitteleuropa und Amerika zu Gast, so bildet das Festival mit seinen Aufführungen heute Trends, Stil- und Produktionsformen einer globalisierten Welt ab. Aus China kommt auch diesmal das faszinierende Tao Dance Theater, und erstmals ist die angesagte südkoreanische Choreografin Eun-Me Ahn dabei.
Auch Veteraninnen wie Anne Terese de Keersmaeker, Maguy Marin sowie die großartige Louise Lecavalier fehlen heuer nicht, ebenso wie Wim Vandekeybus und die Needcompany. Und natürlich gibt es Shootingstars wie Christos Papadopoulos oder Leïla Ka zu bewundern. Stark vertreten ist auch das Performance-Feld mit kleineren Produktionen, in dem der Choreografie eine andere Bedeutung zukommt als die im Bühnentanz typische Anordnung künstlerisch geformter Bewegungen. Eine kritische, polemische Zuspitzung stellt gar dem virtuosen „Tanztanz“ großer Kompanien einen „Konzepttanz“ experimentell orientierter Künstler gegenüber, bei dem Bewegung oft nur ein Mittel von mehreren ist.
Tanz ist mehr als Bewegung
Zeitgenössischer Tanz ist also eine äußerst heterogene kulturelle Praxis. Was zeichnet diesen aus? Bettina Masuch, Tanzexpertin und künstlerische Leiterin am Festspielhaus St. Pölten: „Heute geht es um weit mehr als die Kunst der Bewegung. Tanz verhandelt Fragen nach Identität, Diversität, Geschlecht, Erinnerung oder Machtverhältnissen körperlich.“ Ähnlich sieht das Impulstanz-Dramaturgin Chris Standfest: „Tanz war immer schon auch politisch und ein soziales Reflexionsmedium. Vor allem seit den Sechziger-Jahrenist das Finden von Bewegungen, die nicht bürgerlicher Repräsentation zugehören, ein Thema.“
Zwei Ikonen des amerikanischen Postmodern Dance, Merce Cunningham und Trisha Brown, sind zwar nicht mehr am Leben, werden beim Festival aber ideell vertreten sein durch die Trisha Brown Dance Company with Merce Cunningham Trust. „Weitergeführt haben diese Tradition etwa Trajal Harrell, aber auch Bill T. Jones, die Race- und Gender-Themen integrierten“, so Standfest. „Doch heute geht es in Arbeiten der jungen Generation vermehrt auch um Fragen des Klimawandels und der Demokratie.“ Das zeige sich auch im Verständnis von Choreografie allgemein, so Masuch: „Diese ist heute oft ein offener Prozess, der unterschiedliche Körper, kulturelle Hintergründe und künstlerische Ausdrucksformen zusammenführt.“
Das klassische Ballett fehlt
Wie entstehen denn die Ästhetiken solcher Arbeiten? Standfest, die schon so manche Performance-Arbeit in deren Entwicklung begleitet hat: „Eine Rolle spielen die Ausbildungsform, somatische Körperarbeit, rituelle Praktiken, eventuell die Auseinandersetzung mit postkolonialer Herkunft. Aber auch Social Media wie Youtube und Tik Tok“. Zeichnen sich auch Trends ab? Standfest: „Ich sehe einen ‚Return of Tanztheater‘ in der Tradition von Pina Bausch oder Hans Kresnik, das Erzählen von Geschichten kommt wieder. Das zeigen dieses zum Beispiel Jahr Boglarka Börcsök & Andreas Bolm mit ‚Subjoyride‘“.
Wie kommt die Programmierung des Festivals zustande? „Wir haben mittlerweile ein riesiges, weltweites Netzwerk, einen Wissensfundus. Natürlich bekommen wir unzählige Videos und Bewerbungen“. Die Kunst sei, eine Balance zwischen großen Kompanien und kleinen, neuen Positionen herzustellen. Überblickt man bei Impulstanz sämtliche wichtige Strömungen? „Es entgeht uns eigentlich kaum etwas und ich meine, wir decken alle Bereiche ab“, sagt Standfest. Das stimmt nicht ganz, denn klassischer Tanz, vulgo Ballett, fehlt komplett. „Natürlich wünschen wir uns auch diese Sparte, aber das scheitert nicht zuletzt auch an finanziellen und institutionellen Zwängen.“
Doch auch ohne ist die Strahlkraft von Impulstanz enorm. „Es ist ohne Zweifel eines der bedeutendsten Festivals für zeitgenössischen Tanz weltweit“, bestätigt Masuch. „Beeindruckend ist die Verbindung aus Workshops, öffentlicher Teilhabe und hochkarätigen Performances“. Manche dieser Künstler sind auch immer wieder im Festspielhaus St. Pölten zu sehen, der heimlichen Tanzbühne Wiens. Etwa Sidi Larbi Cherkaoui, der heuer allerdings nicht bei Impulstanz dabei ist. Dafür in der kommenden Saison im Festspielhaus, wo mit dem berühmten Gast dreißig Jahre gefeiert werden.
Bleibt die Frage, ob Österreich über diese fünf Wochen hinaus ein Tanz-Land ist? „Leider nein“, findet Standfest. „Unbedingt ja, was das Publikumsinteresse betrifft“, sagt dagegen Masuch, auch wenn es viel Luft nach oben gibt für Tanzhäuser und Förderungschienen.