Das Vogelnest, das Nationalstadion in Peking, ist nur einen Steinwurf entfernt. Der Volkswagenkonzern hat in einem unterirdischen Komplex eine Bühne aufgebaut, was für ein Bild. Man will wieder nach oben, ins Nest. Weltpremieren werden gefeiert, im Gespräch mit der Kleinen Zeitung wird Oliver Blume einen Satz sagen, der erst zweieinhalb Monate später seine volle Wirkung entfalten wird. „Das Geschäftsmodell, das wir in den letzten Jahrzehnten hatten, in Deutschland Fahrzeuge zu entwickeln, in Europa zu produzieren und in die ganze Welt zu verkaufen: In dieser Form wird es nicht mehr funktionieren. Weil die Welt deutlich lokaler geworden ist. Durch Kundenansprüche, durch Regulatorien und auch durch Handelsbarrieren. Besonders in China spüren wir das. Und durch die hohe Innovationsgeschwindigkeit.“

Woche für Woche wird die Wucht dieser Analyse deutlicher: Inzwischen spricht man im Volkswagenkonzern von 100.000 Mitarbeitern, die man abbauen möchte. Bei Mercedes fordern die Manager mehr Arbeit (derzeit 35 Stunden laut Tarifvertrag) bei gleichem Lohn ein und erheben Einsparungen zur obersten Maxime, bei Porsche, bei BMW, überall ist von Personalabbau die Rede.

Das sind Hintergründe zur Krise in der Automobilindustrie

Wie konnte es aber soweit kommen? Abseits der Kriege, der Zölle, des Ausfalls des chinesischen Markts hat man auch strategisch Eckpfeiler eingeschlagen, die im damaligen Kontext verständlich waren. Bei Porsche etwa, wo man die Börsenstory auch im Fokus der E-Mobilität erzählte, weil Tesla mit der Elektro-Strategie einen Börsen-Hype ausgelöst hatte, der alle alten Autofirmen sehr alt aussehen ließ. Heute wollen die Familien Porsche/Piech als Hauptanteilseigner mehr Geld von „Ihrem“ Volkswagenkonzern sehen, weil sie in die Porsche-Börsenstory Milliarden investierten, um wieder die Oberhoheit über Porsche zu erlangen, so dreht sich das Industrie-Karussell. Auch so ist ein Teil der Einschnitte interpretierbar. Mercedes wurde von den Luxuskonzernen wie LVHM und deren Börsenwerten und Gewinnmargen geblendet – auch der Traum ist ausgeträumt.

Fix ist: Heute wird Oliver Blume seine Pläne zum Konzernumbau in einer Aufsichtsratssitzung bekannt geben. Es ist die erste Runde eines langen Kampfes, von den vier geplanten Werksschließungen, so Insider, werden zwei übrig bleiben. Wie schon bei den ersten 50.000 beim Mitarbeiterabbau (Nichtnachbesetzungen, Vorruhestand, Golden handshakes) wird man auch bei den weiteren 50.000 nach Lösungen suchen – etwa, dass Werke von der Rüstungsindustrie samt Mitarbeitern übernommen werden. Dass sogar die eigenen Manager den Volkswagenkonzern als angeschlagenbezeichnen, gehört zum Vorspiel dazu – die nächsten Monate werden auch über Blumes Zukunft entscheiden.

Das sind die Konsequenzen aus der Krise in der Automobilindustrie

Die Konsequenzen aus der Krise der deutschen Autoindustrie reichen bis nach Österreich, weil das Land überproportional von den deutschen Auftraggebern abhängig ist. Redet man in der Branche mit Vertretern, will niemand zitiert werden. Aber die Aussagen sind deckungsgleich: Noch nie wurden so viele Projekte aus Deutschland verschoben oder abgesagt, noch nie wurde so hart nachverhandelt, der Preis sei inzwischen das alleinige Kriterium. Und wer nicht mitspielt, ist draußen. Es ist ein brutaler Wettbewerb im Gange, und darüber sind sich die Branchen-Insider einig: Die Folgen werden in den nächsten ein, zwei Jahren erst richtig spürbar – und die Auswirkungen werden dramatisch sein.

Nur AC-Styria-Chefin Christa Zengerer sagt offen: „Die Situation wird sich massiv verschärfen, an VW hängen viele Zulieferbetriebe. Aber es ist nichts, was auf einen unverhofft zukommt. Jemand, der aufmerksam die Märkte verfolgt, hat gewusst, was die Märkte bringen. Zu glauben, dass es wieder so wird, wie es einmal war: Von dem müssen wir uns verabschieden.“

Zengerer: „Komfortzone verlassen“

Die Diversifizierung, die oft gefordert wird, bringt aber nicht den schnellen Erfolg – sondern es ist eine harte Aufbauarbeit in Zeiten, in denen die Umsätze wegbrechen. „Es werden jene übrig bleiben, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und die in andere Branchen gehen, es ist ja nicht so, dass die Automobilindustrie sofort auf Null wegbricht, es gibt viele Potenzial, nicht nur Security- oder Defense-Bereich, sondern auch bei Space und Rail.“

Grundsätzlich hält Zengerer fest: „Wir müssen wieder Leistung erbringen, effizienter und schneller werden, wenn man sieht, welchen Takt die Chinesen vorgeben. Man muss bereit sein, die Komfortzone zu verlassen, nur die Fleißigen und die Innovativen werden überleben. Wir müssen uns wieder einer Leistungsgesellschaft annähern, alles andere wird uns nicht weiterbringen, sondern auf das Abstellgleis.“