Anfang der 1950er-Jahre lehnt ein junger Kunststudent in einem Türrahmen einer Pariser Wohnung. Im großen Salon, von Bewunderern umringt: Picasso. „Ich traue mich nicht, ihn anzusprechen. Er ist mein Idol!“, sagt der junge Künstler zu einem Mann, der neben ihm an der Tür lehnt. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden, und als sie sich verabschieden, sagt der junge Künstler: „War ein netter Abend. Übrigens, ich heiße Giselbert Hoke. Wie heißen Sie?“ Darauf der andere: „Jean-Paul Sartre.“
Vor zwei Jahrzehnten, zum ersten Mal Gast auf Schloss Saager, erzählte mir der 2015 verstorbene Künstler diese kleine Geschichte, die einiges über die damalige Aufbruchsstimmung in der Kunstwelt erspüren lässt. Während seines Stipendiats in Paris ereilte Hoke auch der Auftrag, die große Halle des Klagenfurter Hauptbahnhofs zu bemalen. Er hatte den Wettbewerb dazu schon vor seinem Aufenthalt in Frankreich gewonnen und malte daraufhin an diesen beiden 22 mal 5 Meter großen Fresken zwei Jahre lang – in der Nacht, versteckt hinter Holzplanken.
Der Bahnhofsfresken-Skandal von Klagenfurt
Die Freskotechnik hatte er von seiner Frau Margarethe Stolz-Hoke, die aus einer Südtiroler Malerdynastie stammte, erlernt. Die Enthüllung des Kunstwerks 1956 zeigte nicht nur die Inspiration durch Picasso, sondern führte auch zum legendären Skandal im kunstkonservativen Klagenfurter Milieu. Hoke musste vorerst vor den Handgreiflichkeiten für fünf Jahre aus Kärnten fliehen. Heute gehören die von seiner Tochter Karma perfekt restaurierten Fresken zum schönsten, was Kärnten dem ankommenden Gast bieten kann. Ein Genuss, auf den Rolltreppen daran vorbeizugleiten – viele machen das gleich zweimal.
Einer der nächsten Großaufträge, 835 bemalte Fenster für die sogenannte „Rauchfangkehrerkirche“ an der Wiedner Hauptstraße in Wien, erlaubte es Hoke finanziell, das Schloss Saager, oberhalb der Drau gelegen, zu erwerben. Nicht nur zu Wohnzwecken für seine Familie, die mittlerweile vier Kinder zählte, sondern auch als dringend benötigter Kunstproduktionsort mit mehreren Werkstätten. Das von Efeu überwachsene, jahrelang nicht mehr bewohnte Gebäude für diese Zwecke zu adaptieren, war eine Herkulesaufgabe. Giselbert Hoke verlor als 17-Jähriger im Zweiten Weltkrieg einen Arm, die Kinder mussten von Anfang an beim Bauen helfen.
Ein Schloss als Atelier, Werkstatt und Wohnort
Die 1000 Quadratmeter des Hauptgebäudes teilen sich heute die Familien der Söhne Hokes aus erster Ehe: Ed, Thomas und Armin Guerino. Auf den 2500 Quadratmeter der Nebengebäude leben seine zweite Frau Christa Binder und Clemens, Sohn aus dieser Verbindung. Tochter Karma wohnt in der Nähe. Alle sind künstlerisch tätig.
Ed, der älteste Sohn, zeigt mir das denkmalgeschützte Anwesen: Die ältesten Teile stammen aus dem 14. Jahrhundert, der Turm im Norden hat Fenster in alle vier Himmelsrichtungen. Die zweite Etage des südlichen Turmes hat Ed für sich und seine Frau Ulrike als Studio ausgebaut. Der Blick Richtung Westen ins Rosental ist beeindruckend. Ein Zimmerer hat Ed dabei geholfen, den Dachraum über dem Südturm auszubauen, der im Kärntner Abwehrkampf teilweise zerstört und dann in den 1920er-Jahren mit einer offenen Loggia versehen wurde. Diese Loggia wurde mit großen Schiebefenster versehen und nach oben mit einer Verglasung über Eck in den Dachraum geöffnet.
Bauen im Bestand als gelebte Familienphilosophie
Am Dachboden befindet sich das Architekturbüro von Ed, gleich daneben das Atelier von Armin Guerino mit den vielen Dachflächenfenstern (dort wurden anfangs die Fenster für die Rauchfangkehrerkirche bemalt), im Parterre der große kreuzrippengewölbte Werkraum von Thomas Hoke (hier wurden seinerzeit diese Fenster verlötet und zusammengebaut). Im Parterre hat Vater Giselbert 1969 die alte Schlossküche mit Fresken ausgemalt.
„Unser Vater war ein nicht nur vom Malen, sondern auch ein vom Bauen Besessener. War ein Teilprojekt fertig, kam schon das nächste. Werkzeug und Maschinen wurden ohne Ende gekauft, Öfen für die Emailarbeiten gebaut. Es wurde nicht viel geplant, sondern vor Ort überlegt, wie man was umsetzen kann. Wir arbeiten immer gemeinsam, mit viel Eigenleistung und mit einfachen Mitteln. Man macht einfach, was man machen kann“, meint Ed.
Kreative Eigenleistungen statt großer Budgets
So wurde ein alter Stadel aus einem Graben bei Eisenkappel zerlegt und als Wirtschafts- und Werkstattgebäude wieder aufgebaut, um dann ständig erweitert zu werden. Es wurden Atelierräume und ein großes Kunstdepot teilweise in den Berg hinein gebaut, von Hoke „Werkhaus“ genannt.
„Die Schalungen für das Kellergewölbe dort wurden nicht einfach entsorgt, sondern auf der Dachfläche des Ateliers zum Bauen filigraner Tonnendächer wiederverwendet“, erklärt Christa Binder. Diese ausgewogene, mediterrane Dachlandschaft versprüht das Flair einer mallorquinischen Finca. „Und die ehemaligen Löschwasserbecken (das Dach des Schlosses ist 1938 abgebrannt) streichen wir einfach zweimal jährlich mit Kalk, das ergibt wunderbare und kostengünstige Swimmingpools.“
Die Brüder Ed, Thomas, Armin, Schwester Karma und Halbbruder Clemens schaffen Architektur, bauen Brunnen, malen abstrakte Landschaften, arbeiten an Holz- und Metallskulpturen, an Lichtinstallationen, entwerfen Gärten, restaurieren Kunst, möblieren Aussichtspunkte und entwerfen Land-Art. Und bauen nebenbei am Schloss weiter. Nächstes Jahr wird das Werk ihres Vaters noch einmal ausführlich gewürdigt. Zu seinem 100. Geburtstag gibt es mehrere Ausstellungen, z. B. im MMKK in Klagenfurt, und eine umfangreiche Monografie im Ritter Verlag, Arbeitstitel: „Giselbert Hoke: Leben und Werk“.