Mit dem Packerlschupfen tun sich Robotersysteme leicht. Feste Oberflächen, harte Kanten, das lässt sich ohne viel Aufhebens anpacken. Bei Kleidungsstücken ist das schon schwieriger. Schlaffe Stoffe entgleiten den Greifarmen, feine Gewebe verheddern sich unter Förderbändern – kurz, was sich die Kooperationspartner im Projekt „ReUseTex“ vorgenommen haben, ist eine Mammutaufgabe: Automatische Sortierung von Altkleidern mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz zur Hebung der Recyclingquote.
Während die Recyclingkompetenz vom Projektpartner Saubermacher eingebracht wird, übernimmt den technisch herausfordernden Part der Automatisierungsspezialist Knapp aus Hart bei Graz. Das Unternehmen bringt bereits Erfahrungen mit, was den Beginn des textilen Kreislaufs betrifft: Marken wie Asics oder Christian Dior setzen auf die automatisierten Lagersysteme des steirischen Spezialisten, jetzt soll das Know-how auch auf das Ende des Produktlebenszyklus ausgeweitet werden. „Wir arbeiten daran, mit künstlicher Intelligenz und Robotik wiederverwendbare Kleidungsstücke aussortieren zu können – in Stückzahlen und einer Geschwindigkeit, die den Prozess auch wirtschaftlich interessant machen“, sagt Bernhard Pürschl.
KI sortiert aus
Im Projekt fungiert er nicht nur als Schnittstelle zwischen Mechanik, Softwareentwicklung und Datenanalyse, sondern auch als Bindeglied zu den anderen Projektpartnern. Darunter finden sich auch die TU Graz, die an leistungsfähigen Systemen zur Bilderkennung forscht: „Der Verschmutzungsgrad ist ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung, ob ein Kleidungsstück noch wiederverwertet werden kann oder nicht. Dazu muss es aus allen Richtungen optisch erfasst werden“, sagt Pürschl. Die KI, die über das Aussortieren entscheidet, braucht dafür Bilddaten von hoher Qualität, für die auch die Lichtverhältnisse und die Perspektive auf das Kleidungsstück eine Rolle spielen. Zusätzliche Komplexität erlangt dieser Projektbereich auch durch die Frage, welche Kriterien für die Qualitätsbeurteilung hinzugezogen werden sollen. Wie unterscheidet das System treffsicher zwischen Fleck und Loch, zwischen Pelzmantel und Stofftier?
114 Millionen Tonnen Textilabfälle
Antworten müssen auch die Mechatroniker bei Knapp liefern: Denn die klassischen Robotiklösungen mit Greifarmen oder Saugnäpfen zum Aufheben von Objekten stoßen bei fragilen Textilien an ihre Grenzen. Bei der Altkleidersortierung ist Handarbeit nach wie vor unersetzbar, vom Ausleeren der Container oder Sammelsäcke bis hin zur manuellen Trennung der einzelnen Kleidungsstücke. Der Mensch ist mit dieser Aufgabe allerdings überfordert: Weltweit fallen rund 114 Millionen Tonnen Textilabfälle an, und das jedes Jahr. Von den rund fünf Millionen Tonnen, die alleine in der EU entsorgt werden, wird bislang nur ein Prozent recycelt.
Um die Altkleidung entweder als Second-Hand-Mode oder textilen Rohstoff wieder in Umlauf zu bringen, braucht es also eine neue Kombinationen aus Mechanik und intelligenter Steuerungssoftware. Wie die konkret aussehen, soll sich in den kommenden zwei Jahren herauskristallisieren – so viel Zeit hat sich das Projektkonsortium, das seit August 2025 am Werk ist, vorgenommen. „Wir haben zum Ziel, innerhalb von 36 Monaten eine funktionsfähige Pilotanlage auf die Beine zu stellen. Das ist eine sportliche Herausforderung, aber wir sehen hier ein enormes Potenzial für mehr Nachhaltigkeit in der Zukunft“, sagt Pürschl.