Eine Auseinandersetzung um die traditionelle Geschlechtertrennung im Strandbad „El Pedocin“ hat in Triest für Aufsehen gesorgt. Nachdem eine ausländische Touristin den ausschließlich Männern vorbehaltenen Bereich der Badeanstalt betreten hatte, kam es nach Medienberichten zu einem heftigen Streit, der zeitweise in ein Handgemenge überzugehen drohte. Der Vorfall ereignete sich am Samstagnachmittag.

Die Badeanstalt gilt als Besonderheit: Ein hoher Mauerdamm trennt dort seit Beginn des 20. Jahrhunderts den Männer- vom Frauenbereich. Nach Angaben lokaler Medien handelt es sich um das letzte öffentliche Seebad Europas, in dem eine solche räumliche Trennung bis heute praktiziert wird.

„Ihr lebt im Mittelalter“

Auslöser des Streits war laut der Triester Tageszeitung „Il Piccolo“ eine Touristin, die gemeinsam mit ihrem Begleiter den Männerbereich betreten hatte. Eine Triester Badegästin habe das Paar darauf hingewiesen, die Regeln des Strandbades zu respektieren und die vorgesehenen Bereiche einzuhalten. Daraufhin sei es zu einem lautstarken Wortwechsel gekommen. Nach Angaben der Zeitung „Il Piccolo“ beschimpfte das Urlauberpaar die Einheimische und kritisierte die Geschlechtertrennung scharf. „Ihr lebt im Mittelalter“, sollen die Touristen gesagt haben. Die Regelung sei Ausdruck von Diskriminierung und Sexismus.

Rangeleien

Die Diskussion eskalierte anschließend. Aus dem verbalen Streit entwickelte sich nach dem Bericht ein Tumult mit gegenseitigen Beschuldigungen und einzelnen Rangeleien. Mitarbeiter des Strandbades mussten eingreifen, um die Situation zu beruhigen und eine weitere Eskalation zu verhindern.

Kulturelle Besonderheit

Das „El Pedocin“-Bad gilt in Triest als kulturelle Besonderheit und identitätsstiftendes Symbol der Stadt. Viele Einwohner verteidigen die traditionelle Aufteilung als historisches Erbe und freiwillig akzeptierte Regelung. Kritiker betrachten die Trennung dagegen als überholt und nicht mehr zeitgemäß. Immer wieder sorgt das Strandbad deshalb für Diskussionen über Tradition, gesellschaftlichen Wandel und den Umgang mit historischen Besonderheiten im öffentlichen Raum.

Das Strandbad gibt es seit 1903. Damals war Triest unter österreich-ungarischer Herrschaft. Die Institution überdauerte die K.u.k.-Monarchie, zwei Jahrzehnte Faschismus, zwei Weltkriege, die Besatzung durch die Alliierten und alle weiteren Umwälzungen der vergangenen Dekaden. Ursprünglich trennte ein Zaun die Geschlechter, der später durch eine Mauer ersetzt wurde. Sie wurde nur einmal niedergerissen und versetzt - und zwar 1959, als der Frauenbereich auf Kosten der Männer vergrößert wurde.

3000 Badegäste pro Tag

Das Strandbad ist ganzjährig geöffnet. Im Sommer kommen etwa 3000 Badegäste am Tag. Besucher schätzen die geringe Entfernung zum Stadtzentrum und die günstigen Preise. Der Eintritt kostet nur einen Euro. Seinen Spitznamen hat die Einrichtung den Einheimischen zufolge entweder von der Triester Dialektbezeichnung für Muscheln (pedoci) oder für Läuse (pedocio). So soll es in der Nähe früher eine Muschelfarm gegeben haben und österreich-ungarische Soldaten nutzten den Strand für ihre Körperpflege.